Missbrauch

Missbrauch.
Ein Begriff, der abschreckt, Bilder in uns weckt, Wut und Trauer hervorruft.
Und das zu Recht.
Um aufzuzeigen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, welche Schicksale und Mechanismen sich dort befinden und wie wir alle dazu beitragen können, dass unsere Kinder sicher und behütet aufwachsen, schreibe ich diesen Beitrag.
Ich selbst bin Betroffener und verarbeite das Erlebte, indem ich darüber schreibe. Doch hier möchte ich zunächst einmal Fakten vermitteln und eine Grundlage schaffen, um Gewalt und Missbrauch von Kindern in unserer Gesellschaft besser verstehen, erkennen und somit schlussendlich verhindern zu können.
Vielen dürfte der Fall „Lügde“ noch in Erinnerung sein. Der Fall, der 2018 und 2019 die Medien beherrschte und zu einem Aufschrei in der Bevölkerung führte. Dieser ist zwar mittlerweile verhallt, doch die Taten wirken nach – besonders für die Opfer.
In Lügde wurden mindestens 40 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Was einem an diesem Fall besonders sauer aufstößt, ist das Versagen sämtlicher beteiligter Behörden und Anlaufstellen und auch einiger Eltern, was dazu geführt hat, dass Beweismittel nicht oder zu spät gefunden, Kinder nicht aus diesem Umfeld geholt und Täter gewarnt wurden. Dies alles war möglich, weil sich niemand zuständig gefühlt hatte, eine Mutter aus Angst erst Monate später zur Polizei ging, keine Ermittlungen eingeleitet wurden (die ersten Meldungen erreichten die Polizei bereits 2016!) und so weiter. Das behördliche Versagen schlug am Ende größere Wellen als die Missbrauchsfälle.
Die beiden Haupttäter wurden letztes Jahr zu 12 und 13 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Das ist begrüßenswert, auch wenn es das lebenslange Leiden der Opfer nicht verhindert. Was sauer aufstößt ist, dass die Ermittlungen gegen die verantwortlichen Behörden bzw. deren Mitarbeiter im März 2020 eingestellt wurde.
Der aktuelle Fall, der die Medien beschäftigt, ist der groß angelegte Missbrauch rund um Bergisch Gladbach, betreut von der EG „Berg“. Hier gibt es derzeit 27 Beschuldigte, 9 sitzen in Untersuchungshaft. Ermittlungshinweise wurden in insgesamt 15 Länder weitergegeben. Ein Wahnsinn, der aufzeigt, wie weit verzweigt die Netzwerke dieser Personen reichen.
In diesem Fall ist nun Anklage gegen einen Täter erhoben worden. Am 12. Mai soll die Verhandlung stattfinden – so Corona es zulässt. Dieser Täter soll seine eigene Tochter, seinen Stiefsohn und eine Nichte sexuell missbraucht haben. Wir berichten selbstverständlich über die weitere Entwicklung.
Was zeigen uns diese Fälle nun?
Ganz einfach: Missbrauch geschieht in den meisten Fällen im familiären Umfeld oder wird durch dieses ermöglicht. Es sind nicht vorrangig die Sportvereine oder Kirchen, in denen Kinder gefährdet sind, sondern das eigene Zuhause und die Täter*innen sind die Menschen, die eigentlich für Schutz und Sicherheit sorgen sollen.
Genau das macht das Erkennen dieser Verbrechen und Verbrecher so schwierig. Es bleibt meist hinter verschlossenen Türen, in der Familie, wo sich Kinder sicher fühlen sollten, aber diese Sicherheit eben auch dafür sorgt, dass Täter*innen kaum Angst vor Strafverfolgung haben müsse, denn. Sie dürfen nur nicht leichtsinnig sein und können ansonsten unbehelligt machen was sie wollen.
2018 gab es laut BKA in Deutschland 14.606 erfasste Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern bis 14 Jahren. Die angenommene Dunkelziffer hat lt. Schätzungen unter anderem des BKA einen Faktor von 15-20, was in etwa 250.000 Fälle von sexuellem Missbrauch ergibt.
Pro Jahr!
Die meisten betroffenen Kinder sind zwischen 6 und 14 Jahre alt und um diese Zahlen etwas anschaulicher zu machen: entsprechend heruntergerechnet sitzt in jeder Schulklasse mindestens 1 Kind, das sexuell missbraucht wurde oder wird.
Das ist erschreckend!
Wo bleibt hier der Aufschrei? Wo bleiben die Informationskampagnen? Wo bleiben die Demonstrationen?
Sicher, bei „größeren“ Fällen sind alle dabei. Es wird gepostet und verurteilt und nach härteren Strafen geschrien, doch was passiert letztendlich? Wer hilft den Opfern? Warum werden Täter*innen immer noch therapiert und teils als „geheilt“ entlassen, während traumatisierte Kinder auf private Opferfonds angewiesen sind und lebenslange therapeutische Hilfe brauchen?
Lasst mich auch noch eines klarstellen: Die katholische Kirche, die in den letzten Jahren unter den ans Licht gekommenen Missbrauchsfällen regelrecht vorgeführt und an den Pranger gestellt wurde, ist eben nicht der größte und gefährlichste Verein, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Eigentlich machen die Fälle nur einen kleinen Teil des Ganzen aus.
Laut der MHG-Studie, die Daten und Akten seit Januar 1946 (!) ausgewertet hat, gab es in Deutschland 3.677 Opfer über diesen Zeitraum hinweg. Mit dem entsprechenden Dunkelzifferfaktor wären es ca. 60.000 Opfer – allerdings über ca. 70 Jahre, was selbst im schlimmsten Fall ca. 800 Fälle pro Jahr ergeben würde – im Verhältnis zu den oben genannten 250.000 anderen Dunkelzifferfällen.
Jeder Fall ist einer zu viel, doch was die Sache so schlimm macht, ist, dass die Kirche der Ort war oder ist, von dem man es am wenigsten erwartet hätte, nämlich eine Institution, eine Anlaufstelle für die Schwachen und Schutzsuchenden. Hier muss man differenzieren und darf nicht aus den Augen verlieren, dass es eine weitaus größere Gefahr für das Wohl unserer Kinder gibt.
Eine Institution, die Kindern Schutz und Liebe geben soll: Die Familie!
Hier muss angesetzt werden und da ist jeder gefordert, seine Augen offen zu halten. Mein Appell richtet sich besonders an die Menschen, die diese Taten mitbekommen, aber sie hinnehmen, kleinreden, verteidigen. Mein Appell richtet sich an die, die durch ihr Schweigen oder die Verharmlosung der Taten, die sie mitbekommen, genauso schuldig sind wie die Person, die sich an den Kindern vergeht.
Es gibt keine Entschuldigung für Missbrauch! Kinder haben keine Vergleichsmöglichkeit dafür, was normal ist und was nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Eltern ihnen das beibringen und nicht ihr Vertrauen für die eigene Triebbefriedigung ausnutzen, sie manipulieren und einschüchtern.
Ich hoffe, dass das Thema nicht nur bei medienwirksamen Fällen im Bewusstsein der Öffentlichkeit ankommt. Täter*innen dürfen sich zu keinem Zeitpunkt sicher fühlen!
Haltet die Augen und Ohren offen – gerade in der aktuellen Zeit des „erzwungenen Zuhausebleibens“ haben es betroffene Kinder besonders schwer, denn sie sind mit ihren Peinigern eingesperrt. Über Wochen…
#FCKMissbrauch