Asperger – was sind denn die Besonderheiten?

Ein Mensch mit Asperger-Syndrom, welcher nichts von diesem Begriff weiß, wird diese Frage nicht direkt beantworten können. Unterhält man sich mit einer solchen Person, fallen einem allerdings einige Dinge sofort auf.

Der Aspi (so möchte ich einen Betroffenen ab sofort bezeichnen – es ist einfacher, als jedesmal eine lange Formulierung zu verwenden) wird etwas distanziert oder abwesend wirken, so als ob er einem nicht richtig zuhört. Vielleicht bemerkt ein „normaler“ Gesprächspartner auch, dass die Mimik und Gestik eingeschränkt ist oder verhalten und blockierend wirkt.

Viele Menschen deuten dies als Desinteresse oder Unhöflichkeit. Für den Aspi ist das unverständlich, denn in seinem Empfinden hat er nichts falsch gemacht. Er lebt ein wenig in seiner Welt und dort zählen meist Fakten und Informationen. Die zwischenmenschlichen Nuancen, das weiß er, existieren, aber sie spielen für ihn keine Rolle, er nimmt sie auch nicht bewusst wahr und kann sie demzufolge auch nicht korrekt interpretieren.

Fängt der Aspi dann an zu reden, wird die Ausprägung noch deutlicher. Über Themen, die ihn interessieren, kann er stundenlang referieren. Er spricht meist in Metaphern, erläutert Details und Zusammenhänge, die für „normale“ Menschen teilweise weit hergeholt klingen und sorgt so für eine Informationsflut, die einen schon schnell überfordern können. Viele Menschen schalten da recht schnell ab und bezeichnen den Aspi schonmal als „langweilig“ oder „selbstverliebt“, dabei liebt er es nur, sein Wissen und seine Gedanken weiterzugeben. Immerhin kann ein Aspi nicht einfach aufhören zu denken.

Hans Asperger – nach dem Herrn ist das Syndrom benannt – hat zum Beispiel festgestellt, dass Aspis zu Selbstgesprächen neigen, um ihre Gedanken zu ordnen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich das auch mache, allerdings seltener in Dialogform, sondern eher als eine Art Kommentar. Ich habe aber über die Jahrzehnte gelernt, mich anzupassen und „normal“ zu wirken – auch weil ich nicht wusste, was mit mir los ist.

Aspis schweifen auch gerne ab, wechseln sehr schnell das Thema, nur um ebenso schnell wieder zurück zu kommen. Auch das kann „normale“ Menschen in den Wahnsinn treiben. Das machen wir allerdings auch nicht absichtlich, es ist lediglich der Ausdruck unserer Gedankenwelt. Man bekommt quasi einen kleinen Einblick, was in unseren Köpfen permanent los ist.

Diese immer vorhandenen Gedanken können auch zum Problem werden. „Overthinking“ ist ein Begriff, der einigen Lesern vielleicht in den Sinn kommt und er passt auch – allerdings nur zum Teil, denn der Zustand des „Overthinkings“ ist bei Aspergern dauerhaft vorhanden – egal was unser Gesichtsausdruck und unsere Körpersprache sagen.

Bei mir ist es besonders nervig, wenn ich einschlafen möchte. Ich habe erst vor einigen Jahren angefangen, im vollkommen dunklen und ruhigen Zimmer zu schlafen. Bis dahin war immer irgendetwas da, das die Gedanken übertönt hat. Entweder lief ein Hörspiel auf Kassette als Kind und die Nachttischlampe war an oder ich habe einen Film oder eine Serie auf DVD oder im Stream angemacht. Dunkelheit und Ruhe sorgen bei mir nur dafür, dass das Einschlafen sehr lange dauert. Meiner Frau zuliebe habe ich damit aufgehört und bleibe nebenan wach bis ich nicht mehr kann, bevor ich ins Schlafzimmer gehe. Meist lese ich dann aber noch eine halbe Stunde, bis mir die Augen zufallen.

Ich glaube, ich bin etwas abgeschweift, oder? Da seht ihr, was ich meinte! 🙂

Mir wurde auch schon immer gesagt, dass ich unfreundlich aussehe, obwohl ich doch so ein netter Kerl wäre. Ich habe stets erwidert, dass das nunmal mein Gesicht sei. Das passiert mir heute immer noch und es ist anstrengend, sich überall verstellen zu müssen, damit man nicht als Miesepeter abgestempelt wird. Im Grunde möchte ich mich auch nicht mehr verstellen, doch ist es in unserer Gesellschaft relativ schwer, „anders“ zu sein. Das liegt nicht daran, dass die Leute intolerant sind, sondern daran, dass der Begriff „Asperger-Syndrom“ bei den meisten Menschen entweder ein riesiges Fragezeichen beschwört oder – seit 2018/2019 – Assoziationen mit Greta Thunberg weckt. Danke dafür…

Nebenbei bemerkt: die meisten Aspis sind männlich, das Verhältnis männlich zu weiblich beträgt in etwa 2:1 bis 3:1, obwohl weitaus mehr weibliche Aspis über ihre Andersartigkeit reden oder schreiben.

Das liegt wohl daran, dass Männer Dinge gerne mit sich selbst ausmachen. Manche wissen auch gar nicht, dass sie Aspis sind und haben andere Erklärungen für die vielen kleinen Besonderheiten in ihrem Leben. Ich kann hier nur empfehlen, ein erstes Screening (online) zu machen und bei starkem Verdacht einen „offiziellen“ Test nachzuschieben. Es wird allerdings schwierig, einen kompetenten Psychologen zu finden, der zuverlässig Asperger bei Erwachsenen diagnostizieren kann, denn die meisten sind auf Kinder geeicht.

Ich persönlich habe nichts gegen Greta als Mensch. Ich mag nur nicht, dass sie den Fehler macht, den viele Aspis machen – inklusive mir: Sie beißt sich an einem Thema fest und blendet alle anderen Faktoren, die da dranhängen oder eine Rolle spielen, fast komplett aus. Sie sind unwichtig, denn es zählt nur das Kerninteresse. Auch wenn sie scheinbar manchmal darauf eingeht, so tut sie dies nur, weil sie weiß, dass es erwartet wird.

Deswegen sind die Forderungen von Greta und „Fridays for Future“ für mich durchaus nachvollziehbar, doch die Umsetzung ist nicht machbar, ohne die komplette Menschheit in Nullzeit zu ändern. Das kann Greta nicht verstehen. Nicht weil sie „dumm“ ist – im Gegenteil – sondern weil es für sie und ihr Interesse keine Rolle spielt. Man sollte ihre Aussagen daher mit Vorsicht genießen – so wie meine und die jedes Aspis übrigens auch. Aspis haben meist eine hohe Kompetenz auf bestimmten Teilgebieten, aber sie sind auf Hilfe angewiesen, um ihre Mosaikteile in ein großes Ganzes einfügen zu können. Das wertvolle Wissen muss in einen sinnvollen Kontext gebracht werden und das kann nicht jeder.

Menschen können von Aspis und ihren Fähigkeiten enorm profitieren, wenn sie wissen, wie sie das alles einsortieren müssen. Und dazu muss man eben wissen, wie man mit Betroffenen umzugehen hat und was sie so anders macht.

Weitere Punkte, die einen Aspi definieren können, sind zum Beispiel ein mangelndes Selbstbewusstsein, das meist daher rührt, dass sie oft gemobbt und ausgegrenzt werden. Kinder merken sehr schnell wenn jemand „anders“ ist und je nach Ausprägung dieser Andersartigkeit kann die Kindergarten- und Schulzeit ziemlich unschön werden. Meine Grundschulzeit war jedenfalls die Hölle und der Kindergarten war auch nicht gerade toll. Auf dem Gymnasium wurde es langsam besser, aber es war anstrengend. Da kamen bei mir dann noch ganz andere Punkte zum Tragen, auf die ich später irgendwann eingehen werde. Vieles davon verarbeite ich übrigens auch in meinen Büchern.

Auch sind viele Aspis sehr mit sich selbst beschäftigt. Egal was sie tun, sie denken immer nach. Wenn sie von außen betrachtet konzentriert erscheinen, denken sie mit Sicherheit nicht nur an die eine Sache, die sie gerade erledigen. Sie denken daran, dass das Brötchen zum Frühstück nicht so lecker war wie das von gestern oder warum niemandem der Tippfehler in der Zeitung vom Wochenende aufgefallen ist. Natürlich muss nachher auch noch der Hund raus und warum ist es so schwierig, sich an die einfachsten Verkehrsregeln zu halten?! Egal, ich hab noch Limo hier. Das sind die Dinge, die mir zum Beispiel durch den Kopf gehen, während ich diesen Post schreibe.

Dazu kommt dann noch die permanente Versagensangst durch übermäßige Selbstreflexion. Wie wirkt man gerade? Guckt man richtig und angemessen? Darf man auf Fehler hinweisen, wenn man selbst welche macht? Darf man also keine Fehler machen? Hätte ich das nicht besser formulieren können? Aspis beobachten sich selbst sehr genau und nehmen Dinge an sich wahr, die anderen gar nicht auffallen oder nicht so wichtig sind. Zudem sind Aspis sehr auf Details bedacht, fast schon pingelig (das hat mein damaliger Ausbilder mir mal vorgehalten…), was ein „normales“ Arbeiten schon recht anstregend machen kann.

Was es auch nicht einfacher macht: Aspis lassen sich leicht ablenken. Ein Stressfaktor, der im Grunde fester Bestandteil des Asperger-Lebens ist, denn Ablenkungen sind allgegenwärtig. Ein Arbeiten im Großraumbüro oder im lauten, überfüllten Klassenzimmer ist möglich, aber sehr anstrengend.

Aspis sind nicht dumm. Ich selbst habe vor knapp 10 Jahren meinen Mensa-Eignungstest gemacht und auf Anhieb geschafft. Zudem habe ich einige Fehler in IQ-Test-Büchern entdeckt… aber das nur am Rande. Ich bin auch kein aktives Mitglied mehr, weil es mir einfach zu stressig war. 15.000 Mitglieder in Deutschland und alle haben Recht – das hat für mich nicht funktioniert. Zudem waren die Angebote für mich nicht ansprechend. Ich mag es nicht, unter Leute zu gehen oder gar zu großen Veranstaltungen. Ich bin lieber online unterwegs, nur gibt es da außer Mailinglisten (wie in den 1990ern!) keine wirklichen offiziellen Angebote. Aber ich schweife wieder ab 🙂

Also: Aspis sind nicht dumm, im Gegenteil. Aber gepaart mit der mangelnden Sozialkompetenz, kommen sie oft arrogant rüber, besserwisserisch und oberlehrerhaft. „Little Professor Syndrome“ wird Asperger ja nicht umsonst auch genannt. Jüngere Kinder leiden da besonders drunter, denn Intellligenz ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Makel in der Schulzeit. Hier wären Eltern gefordert zu vermitteln, dass Intelligenz etwas ist, das man anstreben sollte. Leider gehen wir den umgekehrten Weg und fordern, dass sich die Kids nach den schwächeren Schülern orientieren. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Kurz gesagt: Aspis sind keine bösen Menschen, die sich für etwas Besseres halten. Ein augeprägter, fast schon zwanghafter Gerechtigkeitssinn ist sogar typisch. Das ist übrigens ein Punkt, der gerade in der heutigen Zeit dazu führt, dass man als Aspi oft aneckt. Logisch, wenn fast immer Religion, politische Gesinnung, Geschlecht oder sonstwas wichtiger ist, als einfach nur die Gerechtigkeit, die ein Aspi empfindet. Man darf heute manche Themen nicht so „simpel“ betrachten und kommentieren, denn dann wird man sofort angefeindet von diversen Interessensgruppen – obwohl man diese Dinge gar nicht wertend einbezieht. Wir sind nunmal eine Gesellschaft von Shitstormern geworden, der es gar nicht um Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung geht, sondern nur darum, sich zu profilieren, Rechte zu verschaffen und ja keine Pflichten übernehmen zu müssen. Man fordert Rücksicht und Toleranz, aber selbst möchte man dies nicht leisten. Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun – im Gegenteil. Daher sollte man heutige Aktivisten sehr genau beobachten und sich nicht vorschnell einer Sache verschreiben.

Aspis sind anders als die meisten Menschen. Und da kein Mensch dem anderen gleicht, sind doch wieder alle „normal“, oder?

Wenn man also weiß, wie man die Aktionen und Reaktionen eines Aspis einzuordnen hat, kommt man sehr gut mit ihm aus 🙂

Aspis sind oft sehr loyal – egal ob im Beruf oder privat. Man kann es sich mit ihnen aber natürlich auch verscherzen und das ist dann meist absolut und von Dauer, denn Aspis vergessen nicht leicht. So hat alles seine zwei Seiten.

Das Thema ist unglaublich komplex, aber unter anderem deswegen schreibe ich ja dieses Blog. Ich wollte euch nur einen kleinen Einblick, eine kurze Übersicht darüber geben, welche Besonderheiten einen Asperger-Betroffenen auszeichnen – dabei habe ich lediglich an der Oberfläche gekratzt.

2 Kommentare zu „Asperger – was sind denn die Besonderheiten?

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