Kranke Welt – Kindesmissbrauch – Teil 2

Missbrauch geht uns alle an.

Missbrauch geschieht im Verborgenen und weit häufiger, als wir glauben oder als es in der Presse auftaucht. Dort kommen meist nur die spektakulären Fälle zum Tragen, doch die sind – wie ich bereits dargelegt habe – nur die Spitze des Eisbergs, wenn man sich die nackten Zahlen anschaut.

Doch was genau passiert eigentlich im Moment seitens Politik und Gesellschaft?

Leider haben wir ja einige aktuelle Fälle, die ganz gut zeigen, wie das Thema Missbrauch von Kindern in unserer Gesellschaft behandelt wird: nämlich tabuisiert, fast schon beiläufig und man bekommt den Eindruck, dass andere Dinge weitaus wichtiger sind, als das Leben unserer Kinder zu schützen. Ameisen zum Beispiel. Oder Schutzmasken.

Dafür – oder dagegen – gehen die Leute auf die Straße und das zu tausenden. Das sind Themen, die scheinbar wichtig sind, zumindest für die Generation „Social Media“. Das mag daran liegen, dass diese Dinge greifbar, wahrnehmbar sind. Dass aber weitaus wichtigere Themen existieren, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen, sieht dieser Schlag Aktivisten nicht. Missbrauch existiert in deren Welt nur als Schlagzeile, die man wegwischen kann – falls man sie in seiner Filterblase überhaupt sieht.

Auf Facebook & Co. ist die Bestürzung bei jedem neuen Fall, der publik gemacht wird, stets recht groß. Viele schreien danach, dass „man mal was machen müsste“, doch nichts geschieht. Die Empörung ist riesig, aber wenn man etwas aktiv tun soll oder muss, verstummen die Stimmen recht schnell.

Das ist schade und auch ein Grund, warum ich Tour 41 e.V. mag. Dort setzt sich einer ein – und er hat alleine angefangen! – und macht etwas. Auch wenn der Weg recht mühsam war und immer noch ist, so gibt er nicht auf. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen.

Was mich aktuell aufregt

Nun, die aktuellen Fälle und unsere hochrangigen Politiker, diesmal unsere Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD). Nach den Ereignissen zum „Missbrauchsskandal“ in Münster hatte sie gefordert, dass wir alle aufmerksamer werden, egal ob beim Sport, in der Nachbarschaft, in Schule oder Kita. Dem stimme ich zu.

Gleichzeitig hat diese „Person“ sich allerdings geweigert (!), Missbrauch von Kindern als Verbrechen einzustufen und damit u.a. das Mindeststrafmaß von 6 auf 12 Monate zu erhöhen.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Missbrauch ist in Deutschland lediglich ein Vergehen, kein Verbrechen! Und die oberste Regierungsinstanz bezüglich Judikative will nicht, dass sich das ändert. Warum? Nun, ganz einfach. Christine Lambrecht argumentiert mit dem Beispiel, dass „Gerichte auf Straftaten mit nur geringem Unrechtsgehalt nicht angemessen reagieren könnten“ – zum Beispiel „ein Zungenkuss zwischen 13- und 14-jährigen“.

Das meint diese Frau ernst! Sie vergleicht einen Zungenkuss zwischen 13- und 14-jährigen mit der Vergewaltigung von 3jährigen Jungen und Mädchen und traut ihren Richtern nicht zu, hier unterscheiden zu können. Man könnte ja auch einen Unterparagraphen einführen … aber ok. Wird wohl seine Gründe haben, warum es nicht geht.

Vielleicht müsste man dann ja auch die Geschehnisse rund um die Edathy-Affäre der SPD aufarbeiten oder neu bewerten. Ich weiß es nicht.

Berlin

Man muss allerdings auch sagen, dass Frau Lambrecht ein Stück weit Recht hat, wenn sie ihren Richtern und Staatsanwältinnen nicht traut – wenn auch wohl an anderen Gründen. Nehmen wir doch den Fall des Gymnasiallehrers Holger P., Familienvater (2 Kinder, 7 und 4), der seinen eigenen Sohn – damals 2 Jahre alt! – missbraucht hat. Er wurde im November zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. Ein Witz an sich, aber es gibt ja auch keine Vergewaltigung bei Kindern im deutschen Strafrecht. Das aber nur am Rande.

Das alleine wäre schon Grund genug, sich aufzuregen, aber es kommt noch besser. Holger P. hat Berufung eingelegt und ließ über seinen Verteidiger verlauten, dass er „kein sexuelles Bedürfnis mehr“ habe.

Richter Axel Schulte hob daraufhin die Haftstrafe auf und Holger P. ist auf Bewährung frei, da er „versuche, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen“.

Na dann… 😡

Marvin

Man könnte meinen, das wäre ein Einzelfall. Doch dem ist nicht so. Allerdings ist mein Speicherplatz bei WordPress auf wenige GB beschränkt. Mit Fällen dieser Art könnte man ganze Bücher füllen!

Der vorletzte Fall, den ich heute hier kurz anreißen möchte, ist der vom 13jährigen Marvin, der 922 Tage verschwunden war und schließlich „zufällig“ im Schrank eines vorbestraften Pädophilen gefunden wurde. Seit dem 08.06.2020 steht der Täter Lars H. (45) vor dem Bochumer Landgericht wegen sexuellen Missbrauch in 475 (!) Fällen.

Marvin sollte aussagen, seine Anwältin beantragte, dass Lars H. für die Dauer der Aussage von Marvin nicht teilnehmen solle. Kann man verstehen, oder?

Allerdings wollte die anwesende Staatsanwältin daraufhin Atteste sehen, die belegen, dass Marvin traumatisiert wurde.

Da fällt mir nicht viel zu ein, außer, dass zumindest der Eindruck entsteht, dass Täter wesentlich mehr Rechte haben und deutlich mehr Verständnis, Nachsicht und Betreuung erfahren, als deren Opfer!

Kinder werden missbraucht, geschändet, vergewaltigt, geschlagen, misshandelt und das teils über viele Jahre. Manchmal werden harte Strafen ausgesprochen, doch der weitaus größte Teil resultiert in Bewährungsstrafen, um „dem Täter nicht die Zukunft zu verbauen“.

Ernsthaft? Was ist denn mit der Zukunft der Opfer? Die Opfer leiden ein Leben lang unter den Taten, sind traumatisiert (auch wenn man das scheinbar mittlerweile noch beweisen muss) und müssen dann noch – wenn sie sich getraut haben, ihre Peiniger anzuzeigen oder wenn das Martyrium anderweitig ans Licht kommt – zusehen, wie der Kerl oder die Frau ihr Leben ganz normal weiterlebt.

Ist das Gerechtigkeit? Ich denke, das ist nicht einmal „Recht“. Die verfügbaren Strafrahmen werden selten ausgenutzt, Opfer werden gegängelt durch Aussagen, die sie machen müssen, weil der Täter (oder die Täterin) schweigt o.ä., aber Täter kommen glimpflich davon, weil sie sich entschuldigt haben?

Was geht in den Köpfen der verantwortlichen Richter und Staatsanwältinnen vor? Haben diese keine Kinder? Leben diese Personen so weit ab von der Realität, dass für sie Menschen nur noch Worte auf Papier sind? Klar muss man sachlich und möglichst ohne Emotionen entscheiden. Das bringt der Beruf des Richters mit sich. Doch die Relationen sind nicht gegeben und die Entscheidungen „im Namen des Volkes“ schon lange nicht mehr der breiten Bevölkerung vermittelbar.

Ein zerstörtes Leben mit einer Bewährungsstrafe ahnden – das hat nichts mit Sachlichkeit zu tun. Das ist krank!

Maddie

Da muss man ja fast schon „froh“ sein, dass der mutmaßliche Mörder und Schänder von Maddie – wenn überhaupt – wegen Mordes verurteilt werden wird. Mord ist schließlich ein Verbrechen, ein Kinderleben zerstören ist auf einer Stufe mit Ladendiebstahl. In Deutschland jedenfalls.

Doch eine Auslieferung von Christian B. an Großbritannien ist derzeit eher unwahrscheinlich. Da hat der arme mutmaßliche Täter aber nochmal Glück gehabt! Unser Grundgesetz schützt Täter – war das so beabsichtigt? Ich denke nicht. Aber Verteidiger finden immer irgendwelche Schlupflöcher. Das ist ja auch ihr Job.

„Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden. Durch Gesetz kann eine abweichende Regelung für Auslieferungen an einen Mitgliedstaat der Europäischen Union oder an einen internationalen Gerichtshof getroffen werden, soweit rechtsstaatliche Grundsätze gewahrt sind.“


Wer mehr zum Thema wissen oder sich vielleicht sogar engagieren will, findet auf der Seite der Deutschen Kinderhilfe alle nötigen Zahlen, Daten, Fakten. Wer selbst betroffen ist oder Fragen hat, kann sich auch gerne bei mir melden. Ich würde gerne mit anderen Missbrauchsopfern reden. Manchmal hilft es wenn man merkt, dass man doch nicht alleine ist.

Mir jedenfalls reichts für heute, ich beende den Artikel an dieser Stelle. Das geht mir zu nahe, und ich denke, dass das anderen auch so gehen wird – auch ohne selbst betroffen zu sein wie mein Bruder und ich.

8 Kommentare zu „Kranke Welt – Kindesmissbrauch – Teil 2

  1. Hallo Autorenhund,
    ich hatte dich kürzlich im Reader entdeckt und lese, wie fast immer bei mir neuen Blogs, von vorne.
    Ein Like schien mir eben irgendwie unpassend.
    Obwohl ich diesen Beitrag mag – aber das Thema ist nicht zu mögen.
    Ich kämpfe selbst ebenfalls mit solch einem Lebensthema.

    Ich wollte einfach gern mal Hallo sagen und, dass ein Like von mir oft auch Solidarität oder „ich fühle mit / hab dich gelesen“ ausdrückt.
    Ich schleiche ungern unerkannt durch Blogs.
    Bis dahin *wink*

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    1. Ich glaube, ich verstehe das schon richtig. Danke für die Erklärung. Es gibt ja zum Glück noch andere Themen – nicht nur diese Art. Jetzt stehe ich vor dem gleichen Problem, wenn ich dir „weiterhin viel Spaß“ wünsche 😊

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      1. Dankeschön 😊 Ich wollte mich zunächst auf unseren Hund fokussieren aber irgendwie gabs dann immer mehr und mehr Themen, die nichts damit zu tun hatten. Man ist ja nicht festgelegt, also schreibe ich schlussendlich über „mich“ und was mich so umtreibt. Aber der Name ist geblieben 😁 Ich lese mich übrigens gerade durch dein Blog.

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      2. Da hast du Recht. Schreiben hilft, genau wie ein verständnisvoller Partner … und Abstand. Ich fange mit deinem ersten Blog an, auch wenn man viel scrollen muss, um zum Anfang zu kommen 😁 Wenn, dann will ich auch von Anfang an mitlesen.

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      3. Ah ok. Auf dem Handy muss ich leider scrollen. Das erklärts. Dir auch alles liebe! Ich finds toll, dass es Menschen gibt, die offen über (Üb)erlebtes sprechen. Danke dafür.

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