Anecken im Arbeitsleben

Jeder hat mal Probleme im Arbeitsleben, das gehört nunmal dazu.

Als Aspi eckt man allerdings wegen Dingen an, die andere noch nicht einmal wirklich wahrnehmen. Dinge, die für andere ganz normal sind, treiben einen in den Wahnsinn. Da ist der Vorgesetzte oder Chef gefragt, um dem entgegenzuwirken, denn es spricht einiges dafür, Asperger-Betroffene als Mitarbeiter zu beschäftigen und langfristig zu halten.

Verständnis und Rücksicht sind hier das A und O. In der heutigen Zeit reden zwar so ziemlich alle Leute davon, doch wirklich praktiziert wird das von wenigen. Es ist eben was anderes, auf ein „Like“ zu klicken oder einen Hashtag zu verbreiten, als genau das zu tun, was man da fordert.

Besonders schwierig wird es, wenn man keine ins Auge stechenden „Nachteile“, die heute für Rücksicht und Toleranz nötig zu sein scheinen, aufweist. Äußerlich ist ein Aspi ja nicht so auffällig, was seine Besonderheit angeht. Das merkt man erst später, im Umgang mit ihm. Vielleicht ist deswegen auch manchmal das Verständnis nicht so da..?

Wichtig als Asperger-Betroffener ist es, dass man sich seine Arbeitsstelle ganz genau aussucht! Zu schnell neigt man dazu, Kompromisse einzugehen, seine Bedürfnisse nicht so schwer zu gewichten und sich selbst irgendwie anpassen zu wollen.

Aspis sind recht gut darin, sich anzupassen. Unsere Welt ist nunmal nicht darauf ausgelegt, wie ein Asperger-Betroffener tickt. Wie ich bereits in einem früheren Artikel geschrieben habe, neigen Aspis dazu, sich selbst zu unterschätzen, ja fast schon geringzuschätzen. Ihr Selbstbewusstsein hat oftmals durch die Schulzeit gelitten, in denen sie stets Außenseiter waren. Als „Streber“ bezeichnet, waren sie vielleicht beliebt, wenn es darum ging, Hausaufgaben abzuschreiben, doch meist haben sie von ihren Mitschülern gesagt bekommen, was sie doch für Freaks sind.

Über Jahre.

Jeden. Einzelnen. Tag.

Klar gibt es Ausnahmen, doch sind dies eben Ausnahmen. Aspi-Frauen haben größere Chancen, die Schulzeit ohne diese Behandlung zu überstehen, allerdings gibt es auch weitaus weniger weibliche als männliche Aspis. Dafür kämpfen gerade Aspi-Männer mit der mangelnden Akzeptanz, denn die Diagnose „Asperger“ wird ihnen als Schwäche ausgelegt.

Hier muss allerdings angemerkt werden, dass Männer mittlerweile ihr Verhalten eher hinterfragen und sich nicht mit „der ist eben abweisend“, „ach ja, der Eigenbrötler“ oder „Männer sind halt so“ abfinden, wogegen bei Frauen oft fälschlicherweise Borderline (!) & Co. diagnostiziert wurde – da fehlt(e) die Grundlagenforschung, daher der Anteilsanstieg von ca. 16% auf 25-33% in den letzten Jahren.

Schlussendlich wird man wohl bei 50/50 landen, wenn mal die Diagnose im Vordergrund steht und nicht Vorurteile bzgl. der Geschlechter.

Daher ist es wichtig, zu einem Spezialisten zu gehen, der sich mit den Besonderheiten der Asperger-Diagnostik auskennt. Speziell bei der Diagnose Erwachsener ergeben sich einige Schwierigkeiten und die Diagnose dauert seine Zeit.

Bei Kindern sind die Eltern gefragt, sich frühzeitig darum zu kümmern. Allerdings ist es bei Asperger wie mit der Hochbegabung: nicht jedes Kind ist betroffen. HB betrifft in etwa 2%, Asperger ca. 1%. Also keine Panik, aber bitte auch nicht wegsehen, sondern Aufmerksam und realistisch beobachten!

Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich in der Lage war, für meine Bedürfnisse am Arbeitsplatz einzustehen. Irgendwann war es mir egal, ob andere meine Probleme nachvollziehen konnten oder mich belächelten. Immerhin ging es darum, einen Ort, an dem man mehr als ein Drittel des Tages verbringt, halbwegs angenehm zu gestalten. Leider gibt es keine Verordnung oder Vorschrift, wie ein Arbeitsplatz für Asperger aussehen muss. Lediglich die für alle geltende Arbeitsstättenverordnung sei hier genannt. Es ist viel geregelt, aber die besonderen Fälle eben nicht.

Meine Ausbildung (kaufmännisch) habe ich in einem mittelständischen Unternehmen absolviert. Ich fing im 2. Ausbildungsjahr an und war nach 18 Monaten fertig damit. In dieser Zeit habe ich sämtliche Abteilungen durchlaufen, wie es eben üblich ist, und muss sagen, dass mir die Buchhaltung am besten gefallen hat. Die Arbeit war jetzt nicht super aufregend, aber sie war angenehm. Kein Kundenkontakt, keine Telefonate, kein Publikumsverkehr und nette Kollegen – und kein Großraumbüro!

Der Trend „Großraumbüro“ nimmt ja leider immer noch einen hohen Stellenwert bei vielen Unternehmen ein. Und das obwohl sogar Studien – unter anderem von der Harvard Business School – zeigen, dass die Produktivität dadurch sinkt und Mitarbeiter sich sogar abkapseln, nur um irgendwie ein wenig Privatsphäre zu bekommen.

Aber man eifert ja als Klingelmann Holzparkett GmbH & Co. KG den Vorbildern wie Google nach. Und die haben schließlich Großraumbüros….

Wenn schon Nicht-Asperger so große Probleme haben, wie muss es dann erst für einen Aspi sein, an einem solchen Arbeitsplatz arbeiten zu müssen?

Genau: es ist die Hölle.

Aspis können sich anpassen und sie sehen das oft auch als Notwendigkeit, damit man akzeptiert wird. Allerdings nehmen sie dadurch auch Schaden, denn dieses permanente Verstellen kostet unglaublich viel Kraft und führt zu immensem Stress. Stress, der früher oder später zum Zusammenbruch führt – Burnout.

Also, liebe Aspis: überlegt euch gut, wo ihr arbeiten wollt. Schaut euch euren Arbeitsplatz im Vorfeld genau an und vor allem redet mit eurem Chef offen darüber, was mit euch los ist und welche Bedürfnisse ihr habt! Es bringt auf Dauer nichts, irgendwo zu arbeiten, wenn man dadurch krank wird oder unglücklich. Depressionen sind nicht selten auch eine Folge dieser Haltung. Das ist es nicht wert!

Als ich nach meiner Ausbildung übernommen wurde, war lediglich eine Stelle im Vertrieb frei. Ich kann mit Kunden umgehen und meine direkte und unbedingt ehrliche Art kamen sehr gut an. Doch ich habe schnell gemerkt, dass ich hier nicht glücklich werden würde. Es war einfach nicht meins, ohne dass ich genau wusste, warum das so war. Diese Erkenntnis kam erst viele Jahre später.

Ein halbes Jahr habe ich es versucht und dann eines morgens den Entschluss gefasst, zu kündigen. Der Schlüsselmoment war, als ich im Auto saß und an einer T-Kreuzung warten musste. Ich hatte die Wahl: links abbiegen und zum Arzt, damit er mich krankschreibt und ich nicht zur Arbeit muss oder rechts abbiegen und wieder einen Tag verstellen, schauspielern und nicht „Ich“ sein können.

So sollte man nicht denken. Wenn es mal soweit gekommen ist, muss man gehen und ich bin damals rechts abgebogen, habe meine Kündigung am Büro-PC geschrieben, ausgedruckt und meinem Chef in die Hand gedrückt.

Es folgten ein paar Jahre, in denen ich meinen Platz gesucht habe. Das war nicht gerade leicht in der dünn besiedelten Gegend, aus der ich stamme, aber es hat sich immer irgendwas ergeben. Ich habe nach meinem Ausbildungsbetrieb auch bei einem Vertriebsbüro für PC-Hardware gearbeitet. Zielgruppe waren Geschäftskunden und Großhändler, also war der Kundenkontakt überschaubar und Publikumsverkehr gab es nicht. Zudem war das Büro ganz neu und ich konnte die Abläufe im Unternehmen mitgestalten. Mein damaliger Chef hat mir alle Freiheiten gelassen und so bin ich schlussendlich 5 Jahre dort geblieben – bis das HQ in Hong Kong beschlossen hat, sich aus dem europäischen Markt zurückzuziehen.

Mist…

Nach einigen kurzen Zwischenstationen, bei denen ich teils massive Probleme mit den Menschen dort hatte … lasst mich das kurz an einem Beispiel erläutern:

Ich sollte – mal wieder! – im Vertrieb anfangen. Ich hasse Vertrieb! Meine Güte. Aber gut, damals war der vorrangigste Gedanke und das oberste Ziel: Geld verdienen, egal wie. Ein riesiger Fehler, aber gut, weiter im Text. Zusammen mit einem anderen „Neuen“ wurde ich durch alle Abteilungen geführt, damit man sich kennen lernt. Finde ich prinzipiell gut, immerhin soll man ja mit allen Abteilungen zusammenarbeiten.

Wir liefen durch ein Großraumbüro … und ein Mitarbeiter dort erklärte uns, dass sie dort die letzten Wochen schon um 4 Uhr morgens angefangen hätten zu arbeiten statt um 7 Uhr, weil eine Softwareumstellung vorgenommen wurde und noch so viel zu tun gewesen wäre. Ich zeigte mich betroffen und bemerkte: „4 Uhr? Das ist ja gestört. Aber das ist jetzt vorbei und ihr habt’s geschafft, oder?“

Das war im Grunde schon mein Todesurteil. In dieser Abteilung hatte ich vom ersten Tag an keinen guten Stand, da meine Aussage so gedeutet wurde, als hätte ich alle dort arbeitenden Leute als gestörte Irre beleidigt.

Wirklich perfekt wurde es dann in der Abteilung, in der ich arbeiten sollte. Vertrieb, Großkundenbetreuung, Innendienst. Die Kollegen waren durchaus nett und die Arbeit machte eigentlich auch Spaß, da der Hauptteil darin bestand, den Außendienstlern zuzuarbeiten. Nur meine Chefin … mit der kam ich nicht klar.

Sie war in etwa so alt wie ich, hatte die weibliche Form meines Vornamens und sah mich – wie ich im nachhinen erst erfahren habe – als Gefahr für ihren Posten an. Wir haben keine vier Worte gewechselt, da schaltete sie schon auf „Eisschrank-Modus“. Ich fühlte mich nicht nur abgelehnt, ich war es auch.

Hatte ich Fragen, wurde ich als Nichtskönner hingestellt. Hatte ich Vorschläge, war ich arrogant. Ich konnte ihr nichts recht machen und bin beinahe daran verzweifelt, weil ich mich doch anpassen wollte – aber diese Frau ließ mich einfach nicht. Wieder saß ich eines morgens im Auto und musste an Batman Begins denken, den ich kurz vorher gesehen hatte. Als der Oberschlägertyp zu Bruce Wayne im Gefängnis sagte: „Ich bin die Hölle“ und der zukünftige Batman erwiderte: „Du bist nicht die Hölle. Du bist Training!“, dachte ich mir genau dasselbe.

Ich würde mich nicht unterkriegen lassen. Ich wollte mein Bestes geben und mit meiner Chefin auskommen, auch wenn es mich viel Kraft kosten würde. Was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Mit diesem festen Vorhaben trat ich also den nächsten Arbeitstag an.

Dieser war jedoch recht schnell vorbei, denn 10 Minuten nach dem Anstempeln wurde ich zum Chef zitiert. Dort saß meine Lieblingsvorgesetzte und der Kerl aus der Abteilung, die die Softwareumstellung wuchten musste. Mir wurde die Kündigung überreicht mit den Worten: „Sie haben unsere Mitarbeiter beleidigt und sind respektlos ihrer Vorgesetzten gegenüber.“ – natürlich deklariert als „betriebliche Gründe“.

Gut so! Aus heutiger Sicht war das das Beste, was mir passieren konnte, denn der Weg, den ich mir ausgemalt hatte („Was einen nicht umbringt blablabla“), hätte mich mittelfristig sehr viel gekostet. Für mich als Aspi gilt: Was einen nicht sofort umbringt, tötet auf Raten! Damals war mir das wie gesagt nicht bewusst.

Schließlich bin ich bei einem Arbeitgeber gelandet, der wieder das Positive sah, das ich beitragen konnte. Ich wurde zunächst befristet für ein bestimmtes Projekt über eine Zeitarbeitsfirma eingestellt, doch ich blieb in Summe 9 Jahre dort. Ich habe sehr viele Möglichkeiten in diesem Unternehmen bekommen, konnte meinen Arbeitsplatz gestalten, wie es mir angenehm war, hatte supernette Kollegen, mit denen ich teilweise immer noch Kontakt habe, obwohl ich schon 5 Jahre nicht mehr dort arbeite.

Kein Großraumbüro, keine manipulativen Kollegen, nette Kunden, angenehme Arbeitszeiten, verständnisvolle Chefs – es war fast perfekt.

Es gab auch zwei Mädels, die dort arbeiteten und wegen denen ich fast meinen Job verloren hätte, da mir diverse Dinge angedichtet wurden, die sie sich aus den Fingern gesaugt hatten. Ich bin eben direkt und sage, wenn mir etwas oder jemand negativ auffällt und bei den beiden lag sehr vieles im Argen. Die Geschäftsleitung wusste das, ebenso der Betriebsrat und da ich mir einen positiven Ruf erarbeitet hatte, wusste man, dass die Behauptungen gelogen waren. Hierfür bin ich immer noch dankbar und falls mein damaliger Chef das liest: DANKE SP! Und auch danke an die Kollegen, die mich immer unterstützt haben!

Die beiden arbeiten nicht mehr da. Sie haben sich an dem Unternehmen bereichert, noch etwas zu intrigieren versucht und sind dann weg, als die Möglichkeit da war. Ab da lief es über Jahre wunderbar dort und ich habe das erste Mal bewusst Kontakt mit einem anderen Aspi gehabt, der – Klischee! – in der IT-Abteilung arbeitete.

Einzelbüro, Schallschutztüren, Telefonate nur nach Termin, Besuche nur nach Ankündigung. So heftig ist es bei mir zum Glück nicht, aber bei ihm war das normal. Er hatte (und hat) seine Routinen und von denen ist er nie abgewichen. Zuhause warteten seine Frau und 4 oder 5 Kinder auf ihn und ich glaube immer noch, dass die vielen Überstunden auf seinem Konto daher kamen, dass er einfach die Ruhe auf der Arbeit genießen wollte 😉

Ein Körnchen Wahrheit wird da wohl drinstecken.

Ich wäre heute wohl immer noch dort beschäftigt, doch die Liebe zog mich in eine andere Stadt, in ein anderes Bundesland, also musste ich kündigen.

Es ist sehr schwer, den passenden Job zu finden, der einem Asperger-Betroffenen die Freiheiten gibt, die er braucht. Doch wenn man als Arbeitgeber die Voraussetzungen erfüllt, diese Herausforderung annimmt, wird man mit einem Mitarbeiter belohnt, der extrem loyal ist und nicht beim ersten Angebot zu einem neuen Arbeitgeber wechselt, gegen einen arbeitet, Schlupflöcher sucht um sich zu bereichern oder ähnliches.

Der Aspi-Mitarbeiter wird Missstände aufzeigen und ehrlich sein. Er wird seine Arbeit zur voll(st)en Zufriedenheit erledigen, wenn auch auf seine Art und Weise. Er wird kreative Lösungen für Probleme finden, an denen sich andere die Zähne ausbeißen und er findet sehr schnell Schwachstellen im Arbeitsablauf.

Liebe Aspis: lasst euch Zeit bei der Arbeitsplatzsuche. Ihr werdet nicht wie viele andere „Jobhopping“ betreiben, deswegen bringen euch solche Ratschläge nichts. Hört auch auf euch – und tut dies genau! Ihr wisst, was euch gut tut und ihr habt ein Recht darauf, dass es euch gut geht. Wenn ihr euch zu lange oder zu sehr anpasst, geht ihr unter. Dafür habt ihr sehr viel zu bieten. Stärken, die ihr nichtmal als solche erkennt, weil die jeweiligen Eigenschaften für euch „normal“ sind, aber lasst euch gesagt sein: sie sind es nicht!

Euer Sinn für Gerechtigkeit und Loyalität, Regeln und Details ist etwas Besonderes, das Nicht-Aspis nur schwer nachvollziehen können. Ihr werdet missverstanden werden, das bleibt nicht aus. Das bedeutet aber nicht, dass ihr aufhören sollt zu suchen. Redet mit Arbeitgebern über euch und was ihr braucht und seid ehrlich zu euch selbst, bevor ihr eine Stelle annimmt, die euch mehr kostet als sie bringt. Es gibt diese Stellen – und viele warten auch auf genau solche Menschen wie ihr es seid!

Verstellt euch nicht, ihr seid es wert!

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