Nierensteine sind toll – Teil 2

Der junge, nette Polizist schaut kurz auf meinen Führerschein und fragt, wie man meinen Nachnamen ausspricht. Ich erkläre ihm kurz, wie und zudem noch, dass ich einen neuen Nachnamen führe auf Grund meiner Hochzeit im letzten Jahr.

„Ah, ok. Wir haben Sie angehalten, weil Sie gefühlt etwas zu langsam unterwegs waren. Haben Sie etwas getrunken?“

„Zu langsam? Ich bin 47 gefahren, hier ist überall 50..?“ sage ich und zeige ihm meine Streckenaufzeichnung (ich mag mein Auto).

„Achso, naja. Wir prüfen noch kurz Ihre Papiere. Was genau führt Sie hierher?“ fragt er noch beiläufig vor der Kulisse des hell erleuchteten Krankenhauses.

„Schmerzen.“ antworte ich gefasst.

„Oh, das tut mir leid. Ist es noch auszuhalten?“ fragt die Kollegin am Beifahrerfenster meine Frau. Da sie relativ wenig Schmerzen hat (ich bin der mit den Nierenkoliken) antwortet sie wahrheitsgemäß mit „Ja, alles in Ordnung soweit.“ und ich ebenfalls – da ich dachte, ich wäre gemeint – mit „Geht schon, wir möchten nur schnell ins Krankenhaus.“

Der männliche Staatsdiener verschwindet kurz zum Einsatzfahrzeug und kommt ein paar Augenblicke später wieder zurück. Keine Einträge, Fahndungen, Kopfgelder oder sonstiges. Er reicht mir meine Papiere und fragt dann: „Ist das ein Hybrid-Fahrzeug?“

„Ja.“ erwidere ich wahrheitsgemäß.

„Was genau bedeutet das eigentlich? Kann der mit Benzin und Diesel gleichzeitig fahren?“

Ich muss mich kurz zusammenreißen um nicht zu erwidern: „Ja, man kann auch Bananen- und Eierschalen in den Tank werfen. Wenn man dann 140 km/h fährt, knallt einen der Fluxkompensator in die Zukunft, du Depp!“

Hingegen bleibe ich freundlich, denn immerhin könnte es auch ein perfider Test sein, ob ich nicht doch fahruntüchtig bin, und erkläre ihm die Grundlagen in verständlichen Worten und untermale dies mit diversen Anzeigen und Diagrammen, die mein Auto darzustellen vermag. Beeindruckt vom niedrigen Verbrauch und meinen Ausführungen wünschen uns die beiden Freunde und Helfer eine gute Weiterfahrt und hoffentlich Erfolg in der Notaufnahme.

Ich setze den Blinker links zum losfahren und nach ein paar Sekunden biegen wir rechts auf den Krankenhausparkplatz ab. Wir sind da. Hilfe ist in Sicht. Endlich!

Die nach dem Aufstehen eingenommenen eingenommenen Ibuprofen dämpfen den Schmerz nur marginal. Das Laufen hilft etwas, so dass der Weg vom Parkplatz zur Notaufnahme machbar ist. Aber dort angekommen müssen wir einige Minuten warten, was dem Schmerz wieder Raum gibt. Ich stütze mich auf das „Diskretion! Bitte Abstand halten!“-Schild vor der durch eine Glasfront abgeteilten Rezeption und warte, dass sich die Tür öffnet. Die Notaufnahme ist leer, das macht Hoffnung. Keine Helikopter-Mütter mit ihren Kindern, die in der Nacht zwei Mal gehustet haben und selbstverständlich sofortige Notfallhilfe brauchen. Keine gelangweilten Menschen, die nur wegen der Gespräche dort sind wie man es zur Genüge vom Hausarzt kennt. Keine burnoutgeplagten 21jährigen Jungarbeitnehmer, die „Magen-Darm“ haben und nicht warten können, bis sie der Hausarzt krankschreibt.

Die Schmerzen werden wieder stärker. Sie sind fast greifbar und ich kann nicht anders, als leise vor mich hin zu stöhnen, während ich an das Schild gestützt auf Einlass warte.

Dann endlich geht die Tür auf und meine Frau hilft mir, zur Nachtschwester zu gehen, die meine Personalien aufnimmt und die üblichen Fragen nach dem Grund und bisherigen Verlauf stellt.

„Guten Morgen. Wie kann ich helfen?“

„Mein Mann hat seit ein paar Stunden Schmerzen in der rechten Seite. Er kann nicht gut sitzen, liegen geht gar nicht. Nicht dass es der Blinddarm ist..? Ich habe Angst.“ sagt meine Frau.

Ich zeige exakt, wo der Schmerz sitzt, kann aber mittlerweile nur in einzelnen Worten reden, da mir die Konzentration für komplexere Sätze fehlt.

„Er hatte zuerst eine Woche lang Durchfall und Magenprobleme. Das war dann vor drei Tagen weg und vor ein paar Stunden fingen die Schmerzen in der Seite an.“ erläutert meine Frau weiter.

Die Schwester nimmt alles auf, ich reiche ihr meine Krankenversicherungskarte (geschickt so, dass meine Frau sie nicht sieht, denn das Foto darauf hat keine Ähnlichkeit mit mir. Hatte es nie. Wird es nie haben – es sei denn, ich bekomme hier gleich eine entsprechende plastische OP, die abartig schief geht und dafür sorgt, dass ich aussehe wie eine Mischung zwischen Manni aus „Modern Family“ und einem Kolumbianischen Drogenboss) und eine nette blonde Ärztin fachsimpelt nebenbei über mögliche Ursachen.

Es steht eine Blinddarmentzündung im Raum, alternativ Nieren- oder Gallensteine. Alles nicht so toll, finde ich.

„Wie stark sind die Schmerzen?“ fragt sie mich.

„Keine Ahnung. Stark? Ich kenne mich mit Schmerzen nicht so gut aus.“

„Auf einer Skala von 1-10?“

„7? 8? Wie gesagt, ich kann das schlecht einordnen.“

Meine Frau schildert nochmal die Highlights der vergangenen Stunden, woraufhin ich umgehend in einen Behandlungsraum gebracht werde. Dort soll ich mich auf eine Liege legen, was ich jedoch ablehne, da die Schmerzen im Liegen ungleich stärker werden.

Das Personal geht darauf ein – hier nochmal ein Lob an die Belegschaft! – und man legt mir einen Venenzugang.

„Das piekt jetzt etwas.“ warnt mich die Schwester vor. Ich reagiere nicht wirklich darauf. Mit Spritzen hatte ich nie Probleme und im Moment überstrahlt der Schmerz in meiner rechten Flanke so ziemlich alles andere. Eigentlich ist es sehr interessant: Kaum hat der Mensch Schmerzen, wird alles andere unwichtig. Alle Probleme mit der Arbeit oder im privaten Bereich sind mit einem Mal unwichtig. Es zählt nur, dass die Schmerzen verschwinden. So auch bei mir.

Eine sehr nette farbige Ärztin fragt, ob ich irgendwelche Allergien oder Unverträglichkeiten habe, was ich verneine. Sie klärt mich über das Medikament Novalgin auf, was sie wohl seit Neuestem muss.

„Geht schon. Immer rein damit.“ bringe ich gequält hervor. „Solange es hilft.“ Auf dem Infusionsbeutel, der kurz darauf an den Zugang angeschlossen wird, steht „Novalgin 2,5 – Buscopan – Vomex“ und ich hoffe, dass dieser Cocktail schnell wirkt.

Durch die Infusion etwas beruhigt, lege ich mich vorsichtig auf die Liege, während sich die Ärztin um einen anderen Notfall im abgeteilten zweiten Bereich des Zimmers kümmert.

Das war ein Fehler. Mir wird übel. Richtig übel. Ich mache mich bemerkbar, setze mich auf und eine junge Schwester ruft nach einem Behältnis für die gleich stattfindende Misere.

„Kann mir mal bitte jemand schnell einen Beutel bringen?!“ ruft sie, während sie mich stützt, damit die Infusion nicht blockiert.

„Wo sind die?“ fragt die Ärztin, während sie die Regale absucht.

„Da! Links! Nein, dazwischen! Da! Da drunter! Schnell! Oh Mann oh Mann!“

Der Plastikbeutel mit dem Greifring kommt gerade rechtzeitig. Ich würge und muss mich tatsächlich vor Schmerzen übergeben. Dass sowas möglich ist… Es kommt allerdings nichts Substanzielles heraus. Nur orangefarbene Brühe, und davon auch nicht so viel wie gedacht. Die folgenden Minuten verbringe ich mit Warten darauf, dass die Schmerzmittel anfangen zu wirken. Die Übelkeit bleibt, die Schmerzen auch und schließlich frage ich höflich: „Ehm, wann genau fängt der Kram an zu wirken?“

Die nette Ärztin schaut sich den Tropf an und meint: „Oh, warum läuft das denn nicht?“ Ich höre nur halb hin, da hat sie den Fehler schon gefunden: „Da hat die Schwester wohl die Vene verfehlt. Naja, so haben Sie ein Depot im Muskel, haha. Bringt aber leider nichts, Moment.“

Sie weist die Schwester an, mir einen neuen Zugang zu legen, diesmal am linken Arm. Mir ist das alles egal, solange es irgendwie hilft. Kompresse am rechten Arm, Zugang am linken, vor mir der Beißringbeutel, den ich zwischenzeitlich in der Sauerstoffflaschenhalterung eingehängt habe, sitze ich auf der Liege und warte. Nach ein, zwei Minuten kann ich nicht mehr sitzen und stehe auf. Langsam. Ganz langsam.