Nierensteine sind toll – Teil 4

„Ja, alles gut. Die Schmerzen sind so gut wie weg. Ich bleibe heute Nacht hier und am Morgen schauen die nach, ob sich was getan hat. Nicht dass es doch noch der Blinddarm ist oder Komplikationen auftreten.“

Wir gehen nach draußen. Es ist kalt, immerhin haben wir Herbst, aber ich merke das nicht wirklich. Meine Frau plant die nächsten Stunden. Sie fühlt sich zu müde um mit dem Auto zurück zu fahren und will sich ein Taxi rufen.

„Sagst du bitte zwischen 7 und halb 8 meinem Chef Bescheid, dass ich im Krankenhaus bin und heute nicht kommen kann?“ bitte ich sie noch, während ich mir eine Zigarette anstecke und schlurfend den Weg zur Straße runter gehe. Ich vergesse, den Beutel hoch zu halten und der Infusionsschlauch färbt sich langsam rot. Das Rädchen zum Abklemmen der Zufuhr überfordert mich gerade intellektuell, wohl auch weil es nirgendwo einrastet. Ich beschließe, es so zu lassen. In ein paar Minuten bin ich sowieso wieder bei den Profis.

„Klar, mache ich. Ich fahre gleich mit dem Taxi heim, lege mich hin und stell mir den Wecker. Außerdem muss ich sowieso bei mir auf der Arbeit Bescheid geben, dass ich heute nicht komme. Ich habe da keinen Kopf für, wenn du hier liegst und ich nicht weiß, was los ist. Und dein Handy ist ja auch zuhause.“ sagt sie mir, während sie meinen Arm festhält.

Es tut gut zu wissen, dass jemand da ist, der sich sorgt, sich kümmert. Jemand, der es wirklich macht statt nur darüber zu reden. Ich vertraue ihr. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich nicht mal hier.

Wir gehen wieder zurück, auch damit sie selbst mit der Ärztin sprechen kann, falls ich etwas vergessen oder verdreht habe. Immerhin bin ich durch die Schmerzmittel im flauschigen Land der Glückseligkeit – oder zumindest auf dem Weg dorthin.

„Danke. Ich bin so froh, dass ich dich habe, mein Herz.“ sage ich und küsse sie sanft.

Hoffe ich.

Wieder im Untersuchungszimmer mit der Liege klärt meine Frau die Details mit der Ärztin und ich frage nach einem Schluck Wasser, weil ich mittlerweile das Gefühl habe auszutrocknen.

Die Schwester richtet den Zugang gerade, dreht das Zufuhrrädchen am Infusionsschlauch wieder korrekt auf, hängt den Beutel am Gestell ein und verschwindet für einige Augenblicke, um mir kurz darauf drei Flaschen stilles Wasser aus dem Automaten zu bringen.

Eine Flasche muss sofort dran glauben, die zweite leere ich halb.

„Danke, das war nötig.“ sage ich zu ihr.

Sichtlich besser gelaunt (Novalgin gefällt mir immer besser) frage ich nach einer Zusammenfassung, was in den nächsten Stunden geplant ist.

„Wir haben ein Bett für Sie auf Station 6. Vorher trinken Sie bitte noch das Wasser. Wir nehmen Ihnen die Infusion ab, die Stationsschwester bringt Sie aufs Zimmer und wenn Sie aufwachen und auf Toilette müssen, benutzen Sie bitte dieses Sieb und füllen außerdem eine Probe in diesen Becher.“ erklärt mir die farbige Ärztin und drückt mir ein Pappsieb mit aufgedruckter Anleitung sowie einen Urinprobenbecher in die Hand.

Man lernt nie aus.

„Ok, das kriege ich hin.“

„Ich fahre dann gleich mit dem Taxi heim und komme wieder, sobald ich kann.“ sagt meine Frau, sichtlich müde und erschöpft, während sie mich stützt.

Sie nimmt die beiden Wasserflaschen und geht nach einer kurzen Verabschiedung vom netten Notfallpersonal mit mir zum Aufzug, der uns zu Station 6 bringen wird.

Auf der Station angekommen melden wir uns bei der Stationsschwester, die schon entsprechende Informationen erhalten hat. Sie bringt uns zum Zimmer, wo ich die restliche Nacht verbringen werde.

„Ich komme so schnell wie ich kann wieder zu dir, Schatz.“ sagt meine Frau liebevoll zu mir. Wir küssen uns zum Abschied und ich begebe mich in die Obhut der netten Schwester aus Osteuropa.

*Klick*

Es ist 4 Uhr morgens, aber in dem Dreibettzimmer ist es gerade Mittag geworden. Zwei nette ältere Herren liegen etwas verschlafen in den beiden äußeren Betten. Ich bekomme ansonsten nicht viel mit, lege mich einfach auf das mittlere Bett und drehe mich auf die Seite. Dass der Zugang noch in meiner Armbeuge liegt, ist mir zwar bewusst, aber in diesem Moment egal. Ich bin mit einem Mal unglaublich müde und das einfache Krankenhausbett erscheint mir unglaublich bequem. Die Schwester erklärt mir noch kurz, wie ich das Bett in alle möglichen Richtungen verstellen kann und verlässt dann das Zimmer. Mein linker Nachbar wundert sich: „Hat die jetzt das Licht in der Toilette angelassen?“

Ich fühle mich verantwortlich, schließlich bin ich der Grund, warum die beiden durch die subtile Vollflutlichtaktion der Schwester geweckt wurden, und stehe auf, um das Licht auszuschalten. Drei Schalter, drei Versuche. Nachdem ich eine etwas klägliche Diskolicht-Vorstellung gegeben habe schaffe ich es, alle Lichter auszuschalten. Im Dunkeln taste ich mich zu meinem Nachtlager zurück, lege mich wieder hin und schlafe innerhalb weniger Augenblicke ein. Endlich.

An eventuelle Träume kann ich mich nicht erinnern, als die Stationsschwester erneut die Tür mit einem netten „Guten Morgen!“, gefolgt von erneuter Lichttherapie für das Zimmer öffnet.

Das Aufwachen geht relativ langsam, denn wie mir ein Blick auf die Uhr zeigt, habe ich gerade erst zweieinhalb Stunden geschlafen. Mir fällt allerdings auf, dass ich keinerlei Schmerzen habe. Im Moment möchte ich allerdings nur noch etwas länger schlafen und halte die Augen geschlossen.

„Oh, der schläft ja noch. Naja, dann später.“ höre ich die Schwester noch sagen. Sie meint wohl mich, denn anschließend kümmert sie sich um meine beiden Zimmergenossen. Ich höre gar nicht mehr richtig hin und ver suche, wieder einzuschlafen. Starker Harndrang macht das allerdings etwas schwierig. Ich beschließe darauf zu warten, dass die Schwester wieder verschwindet und gehe anschließend zur Toilette. Ich weiß ja jetzt, welcher Schalter die passenden Lampen einschaltet, nehme mein Sieb und meinen Becher mit und schließe die Tür. Etwas wacklig auf den Beinen halte ich mit einer Hand den aufgeschraubten Becher und ziele mit der anderen Hand. Ich erinnere mich kurz an meine Musterung bei der Bundeswehr und die Worte der Ärztin dort: „Nicht ganz vollmachen!“

Damals habe ich das ignoriert, weil es auch nicht anders ging, aber heute halte ich mich an die Vorgabe aus der Vergangenheit. Halbvoll verschließe ich den Becher wieder und nehme das Pappsieb zur Hand. Ich habe ein paar Bedenken, ob das Ding dem Druck standhalten wird. Immerhin wollen gefühlte 78 Liter Flüssigkeit aus mir raus. Es schäumt recht stark, aber ich treffe. Jahrzehntelanges Zocken macht sich endlich bezahlt durch eine exzellente Hand-Auge-Koordination. Immer noch mehr schlafend als wach bin ich froh, nur eine Jogginghose und mein T-Shirt zu tragen. Ich gehe zum Waschbecken, da ich im Sieb selbst nichts sehe durch besagten Schaum. Ich komme auf die glorreiche Idee, das Sieb auszuspülen. Schaum löst man durch Wasser auf.

Stimmt auch, allerdings habe ich den Druck aus dem Wasserhahn etwas unterschätzt. Der Schaum ist weg, der Inhalt aber auch. Im Sieb ist nichts zu sehen, aber im Waschbecken sehe ich gelbe und bernsteinfarbene Steinchen, insgesamt 5 Stück. Drei recht klein, wie Sandkörner, zwei etwas größer, ich schätze so 2 Millimeter. Ich spüle sie weg, denn aufheben oder wieder ins Sieb packen – das schaffe ich in meinem Zustand nicht. Außerdem wurde mir nicht gesagt, dass ich die aufheben soll. Das Sieb wird im Mülleimer entsorgt und ich verlasse Toilette und Zimmer, um die Urinprobe an der Schwesternstation abzugeben.

Draußen fängt mich die Stationsschwester mit den Worten „Wo wollen Sie denn hin?“ ab. Ich zeige ihr den halbvollen Becher und erkläre, dass ich diesen abgeben möchte. Sie nimmt ihn entgegen und ich kann wieder ins Zimmer. Ins Bett. Endlich weiterschlafen.

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