Nierensteine sind toll – Teil 5

Mein rechter Nachbar ist auf der Toilette, mein linker ist wach und fragt mich freundlich, was ich denn hätte, warum ich hier sei.

„Verdacht auf Nierensteine, eventuell auch Blinddarm.“ erkläre ich müde. Er lächelt freundlich und hält mir eine Pillendose mit Viagra hin.

„Hier, schau mal.“

Es ist kein Viagra.

„Das haben sie mir gestern rausgeholt. Gallensteine.“

Ich staune. Die Steine sind zentimetergroß und sehen wirklich aus wie Viagra-Pillen.

Zur Verdeutlichung schlägt der nette Herr seine Bettdecke zurück und offenbart eine blutige Drainage, die aus seiner Bauchseite hängt.

Interessant finde ich das schon, kann aber in meinem Zustand keine wirkliche Konversation führen.

„Wow, Wahnsinn. Die Schmerzen müssen heftig gewesen sein.“ sage ich müde, aber interessiert.

„Schlaf dich erstmal aus.“ sagt er mitfühlend und ich befolge diesen Rat nur zu gerne. Zumindest hatte ich das vor. Kaum habe ich mich hingelegt, kommt ein Pfleger ins Zimmer und fragt nach mir.

„Wir müssen noch eine Blutprobe nehmen.“ sagt er freundlich und ich halte ihm meinen Arm mit dem noch vorhandenen Zugang hin.

„Nee, das geht damit nicht.“ kommentiert er und holt eine Spritze aus seiner Kitteltasche. Loch Nummer drei. Egal. Was muss, das muss.

Nun gut, jetzt aber endlich Augen zu und schlafen. Ohne den Druck auf der Blase (und allem anderen) klappt das auch wunderbar.

Augenblicke später – so kommt es mir vor – werde ich jedoch wieder geweckt. Diesmal sanfter, liebevoller.

„Schatz? Geht’s dir gut? Ich bin da.“ höre ich die Stimme meiner Frau.

Ich brauche einen Augenblick um mich zu orientieren und das überhaupt zu begreifen. Langsam drehe ich mich um und mache die Augen auf. Ja, es ist meine Frau. Und hell ist es auch, diesmal aber Tageslicht. Auf dem Beistelltisch neben meinem Bett steht ein Tablett mit Frühstück. Eine Scheibe Brot, ein Brötchen, Butter und Marmelade im Minipack und je eine Scheibe Wurst (nehme ich an) und Käse. Das Menü wird abgerundet durch eine Tasse „Kaffee“.

Ich setze mich auf und lächle meine Frau an, die sich schon mit meinen Zimmergenossen unterhält. Bevor ich in die Unterhaltung einsteigen kann, geht auch schon die Tür auf und ein junger Arzt kommt herein.

„Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“ fragt er mich direkt. Ich antworte ihm – und somit auch meiner Frau – dass es mir gut geht.

„Das Bett ist super bequem, hätte ich nicht gedacht. Aber etwas kurz ist es.“ sage ich.

„Haben Sie noch Schmerzen?“ fragt der Arzt, während er auf meinem Bauch herumdrückt und mich abhört.

„Nein, alles wunderbar. Ich bin nur müde.“

„Ok, das ist schonmal gut. Es war also höchstwahrscheinlich nicht der Blinddarm. Haben Sie das Sieb benutzt? War etwas zu sehen?“

„Das Sieb habe ich benutzt, aber es war sehr schaumig. Ich meine, ich hätte ein paar Steine im Waschbecken gesehen, ja.“ teile ich ihm das Ergebnis meiner Halbschlaf-Urinorgie von vor einigen Stunden mit.

„Dann haben wir jetzt zwei Möglichkeiten: wir können Sie noch einen Tag hier behalten und beobachten, ob nicht doch noch etwas anderes vorliegt oder falls Schmerzen auftreten, oder wir können Sie auf eigenen Wunsch entlassen.“

Ich schaue kurz meine Frau an, die mit einer frisch gepackten Übernachtungstasche neben mir auf einem Stuhl sitzt und sage dem Arzt: „Ich möchte nach Hause. Wenn die Schmerzen wieder auftreten, komme ich sofort zurück.“

„Ja, das ist annehmbar. Wenn sie heute und morgen schmerzfrei sind, haben Sie es überstanden, dann waren es wirklich Nierensteine. Die Blutwerte waren auch in Ordnung und es gab auch keine erhöhten Entzündungswerte, von daher können wir das gerne so machen.“

Ich muss noch ein Formular unterschreiben, dass ich stationär behandelt wurde und pro Tag 10€ zuzahlen muss, dann verabschiedet sich der Arzt.

Ich küsse meine Frau und denke mir: Ok, 10€ ist in Ordnung für eine schmerzfreie Nacht mit Frühstück.

Das Frühstück muss ich natürlich essen, immerhin ist es bezahlt! Während ich mir Brot und Brötchen schmiere, hält mein linker Mitpatient meiner Frau das Pillendöschen mit „Viagra“ hin und erzählt ihr dann ebenfalls – genau wie mir ein paar Stunden zuvor – en detail um was es sich handelt, wann er wieso von wem eingewiesen und untersucht wurde. Alles untermalt vom Anschauungsmaterial unter der Bettdecke.

Meine Frau ist freundlich und seltsamerweise nicht angeekelt. Ich bin stolz auf sie.

Während ich das Frühstück zu mir nehme, erzählt sie mir, dass sie pünktlich bei meinem Chef angerufen, ihn aber nicht erreicht hat.

„Ich hab dann bei der Zentrale angerufen. Ist die Frau immer so unfreundlich?“

„Naja, sie ist nicht die hellste und warum die an der Zentrale sitzt, kann ich mir auch nicht erklären. Wieso?“

„Ich hab da angerufen, mich vorgestellt und gesagt, dass du im Krankenhaus liegst. Du hättest alles geklärt und wärst morgen wieder da. Von ihr kam dann nur ‚Die Krankmeldung kommt aber noch, ja?!‘. Kein Hallo, Danke, Gute Besserung oder sonstwas.“

„Ja, das ist so bei ihr. Ich hoffe mal, sie gibt die Info weiter.“

Im Moment ist mir das aber auch fast egal. Wir haben unsere Pflicht mehr als erfüllt – mehr als rechtzeitig allen Bescheid sagen kann ich nicht, von daher ist das Thema erstmal durch.

Das Frühstückchen ist gegessen, den Kaffee trinke ich in einem Zug aus, weil mittlerweile die Schwester wieder reingekommen ist um die Tabletts abzuräumen. Anziehen muss ich mich nicht, trage ich doch immer noch Jogginghose und Shirt. Ich ziehe meine Schuhe an und verabschiede mich vom halbnackten Nachbar Nummer eins und Gallenstein-Viagra-Patient Nummer zwei, welche mir noch gute Besserung wünschen.

Draußen gehen wir zum Schwesternbüro und geben das unterschriebene Formular ab. Sie gibt mir den Entlassungsbrief mit anhängenden Blut- und Urinwerten für meinen Hausarzt sowie – auf Nachfrage – eine 30er-Packung Novalgin.

Yes! Übernachtung mit Frühstück, keine Schmerzen mehr, verschreibungspflichtige Medikamente – alles für 10€. Die Bilanz stimmt.

Auch hier verabschieden wir uns freundlich und machen uns auf den Weg nach Hause.

Auf dem Weg zum Parkplatz sagt meine Frau zu mir: „Weißt du, dass die farbige Ärztin dich ein paar Mal komisch angeschaut hat?“

„Nein, glaube nicht. Wie meinst du das?“

„Das ist mir auch eben erst aufgefallen… schau mal auf dein Shirt.“

Ich schaue auf mein Shirt.

Schwarz, ein Nerd-Shirt mit dem stilisierten Helm eines „Big Daddy“ aus „Bioshock“. Unten drunter steht in gigantischen Buchstaben „SLAVE“.

Ich werde rot und muss lachen.

Ich glaube nicht, dass sie das persönlich genommen hat. In den USA hätte ich aber vielleicht ein Problem gehabt.

Nun aber ab nach Hause und ausschlafen. Ohne Schmerzen.