Musiknostalgie

Ja, damals™.

Lange bevor ich mich dazu entschieden habe, Bücher und Artikel (und dieses Blog) zu schreiben, war ich verrückt nach Musik. So richtig fing das alles an, als ich mit 10 Jahren aufs Gymnasium wechselte und dort ein Klassenkamerad einen florierenden Handel mit selbst zusammengestellten Musikkassetten ins Leben rief. Als kleiner Kerl, der sowieso schon eher Außenseiter war, bot mir die Musik eine Fluchtmöglichkeit aus der Realität, die mir so gar keine Freude brachte.

Ich glaube, der Kerl – Mark hieß er mit Vornamen – hat ganz gut an mir verdient, aber das war es mir wert. Ich hatte keine Ahnung, welche Bands oder Interpreten ich mir da anhörte und wie die Lieder hießen. Es war mir auch egal, denn die Hauptsache war, dass sich die Lieder gut anhörten. Meist handelte es sich um Hardrock oder Metal und es muss echt seltsam ausgesehen haben, wie da ein 10jähriger mit 80er-Jahre-Kopfhörern und voll aufgedrehter Musik durch die Schulflure lief und Lieder mitsang, obwohl er die Sprache nicht verstand.

Das hat mich irgendwann richtig genervt und ich habe beschlossen, Englisch zu lernen. Ich war auf einem altsprachlichen Gymnasium – keine Ahnung warum – und Englisch stand als Fremdsprache zwar zur Auswahl, war aber keine Pflicht. Man konnte auch Latein als erste Fremdsprache wählen und Englisch auf die 7. Klasse „verschieben“ … was ich auch tat. Mein „Vater“ (die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt ob der nicht wirklich schönen Vergangenheit) wollte es so und ich hatte keine Ahnung, was ich werden wollte, also war eine Wahl so gut wie die andere.

Das Lernen anhand von Songtexten hat mir Spaß gemacht und war hocheffektiv. Ich verstand nicht nur schnell die Texte, sondern beherrschte auch in kürzester Zeit die englische Sprache, so dass ich so gut wie nicht mehr lernen musste, als ich schließlich in die siebte Klasse kam. Bis heute habe ich glaube ich nicht mehr für Englisch gelernt. Hätte ich das damals richtig gedeutet, hätte ich wer weiß was erreichen können, aber das ist eine andere Geschichte.

Ein paar Lieder von damals spuken mir immer wieder im Kopf herum und dank YouTube und Google ist es heute ein Leichtes, mit ein paar Textfetzen die passenden Videos zu finden. Wenn mich dann mal – meist abends – ein solches Nostalgiegefühl befällt, mache ich mir YouTube an und schaue ein paar Videos der Lieder von den Mixkassetten aus meiner Kindheit. Die Texte kann ich immer noch auswendig und wenn ich dann die Augen schließe, bin ich umgehend wieder in den späten 1980ern und frühen 1990ern, sehe meinen Klassenraum vor mir, meine Klassenkameraden, die Lehrer und erinnere mich an all den Mist, den ich damals verbrochen habe und erleben musste. Wenn ich dann nicht aufpasse, hängen mir diese Gefühle, die Eindrücke recht lange nach, denn abseits der langläufigen Meinung sind Asperger durchaus in der Lage Gefühle zu empfinden. Sie wirken meist nur nicht so, aber die Empfindungen sind ungleich stärker als bei Nicht-Aspis – in beide Richtungen.

Da läuft dann schonmal ein alter Popsong auf YouTube, während der Autor im Relaxsessel sitzt und mit den Tränen kämpft. Kurz danach grinst er fröhlich und energiegeladen zu fetzigen Rhythmen von altem Hardrock oder Hair Metal. Egal welche Emotionen dabei hochkommen, welche Erinnerungen ich nochmal deutlichst erlebe, es ist immer wieder eine Reise in die Vergangenheit und hochinteressant, mich dabei zu beobachten.

Ich kann so mehr oder weniger bewusst steuern, an was ich mich erinnern möchte, was gerade bei semi-biografischen Büchern sehr hilfreich ist. Allzu oft kann ich das aber nicht machen, da es mich eben doch sehr anstrengt und ich stets Pausen nach so einer emotionalen Erinnerungssession benötige, um das zwar bereits bekannte, doch nicht mehr so bewusste Vergangene (erneut) zu verarbeiten.

Es macht Spaß, aber es laugt mich auch aus. Fast eine Art Hassliebe, wenn man so will.

Welchen Popsong ich eben meinte? Da gibt es viele. Damals konnte ich von Roxette zum Beispiel nicht genug bekommen. Doch letztens hatte es mir Blue Train von Avalanche angetan: https://www.youtube.com/watch?v=5N5E3Xqj81E

Kaum läuft das Lied, stehe ich wieder mit einem dieser kleinen A5-Bestellkataloge in unserer Küche und blättere auf der grünen Arbeitsplatte durch, wann die CD von Avalanche endlich veröffentlicht wird…

Was etwas gedauert hat zu finden, war Bang von Gorky Park: https://www.youtube.com/watch?v=lrSKG3TS0uE

Den Song hatte ich auf einer der ersten Mixkassetten von Mark – ohne Angabe von Interpret oder Titel und ohne Englischkenntnisse irgendeiner Art. Wie man bei diesem Video gut merkt, kann man den Text ohne Lyrics schwer verstehen, aber ich wurde fündig und nutze den Titel seitdem, um mich an einige schöne Momente zu erinnern. Trotz der unglaublich schlechten Frisuren 😀

Zum Schluss noch zwei Lieder, mit denen ich mir – neben vielen anderen – selbst Englisch beigebracht habe:

Blind Guardian – Valhalla: https://www.youtube.com/watch?v=4w9uy4Ip5Zs

Manowar – Guyana (Cult of the Damned) https://www.youtube.com/watch?v=B-28lRSJufc

So, genug davon. Ich hör mir noch ein paar Lieder von damals™ an 🙂