TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 5: Mutter

In diesem Kapitel geht es um die Mutter und um den Ansatz ihrer Hintergrundgeschichte, der ich in diesem Buch keinen Namen gegeben habe. Das Gleiche gilt übrigens auch für den „Vater“, dessen Sichtweise in anderen Kapiteln behandelt wird. Namen tragen nur die Betroffenen und das nähere Umfeld, natürlich sind diese fiktiv. Das nächste Kapitel gibt’s dann wieder in 2021.

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Noch eine Woche, wie so viele in der letzten Zeit. Mein Mann ist oft unterwegs. Sicher, er muss Geld verdienen und es geht uns auch gut – finanziell gesehen. Aber ich vermisse ihn schon.

Am Anfang war alles noch ganz normal bei uns. Also, was man so „normal“ nennt. Er hat sich wirklich sehr um mich bemüht und gekümmert, hat sich gut mit meiner Familie verstanden und auch hier im Haus viel gemacht. Allein die Umbauten hätte ich nie bezahlen können. Auch nicht mit Hilfe meiner Familie.

Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater war der Dorfschmied und arbeitete sehr hart, um seine Familie zu ernähren. Trotzdem reichte es kaum für mehr als das Notwendige. Meine Mutter war immer zuhause und hat sich um meine Schwester und mich gekümmert. Ich musste schon als Kind mit anpacken, meist im Haushalt oder auf dem kleinen Feld, das wir besaßen und dazu nutzten, uns selbst zu versorgen. So war das eben damals auf dem Dorf.

Eine wirkliche Kindheit, wie sie mittlerweile üblich ist, habe ich nie gehabt. Manchmal wollte ich schon lieber spielen, statt auf dem Feld Erde zu harken, aber ich kannte es auch nicht anders. Die Volksschule habe ich jeden Tag besucht und auch einige Freundschaften geschlossen. Hier waren wir – sind wir noch – eine eigene Gemeinschaft mit geteilten Erfahrungen. Jedes Kind musste zuhause mithelfen, arbeiten. Die Schule war wichtig, aber für die Eltern und besonders die Großeltern war es wichtiger, dass man mit anpackt.

Wahrscheinlich hat jede Generation so ihre Probleme mit den Vorhergehenden. Die Älteren halten sich an das, was sie kennen und gehen davon aus, dass alles so bleibt, wie sie es gewohnt sind.

Die Jüngeren hinterfragen viele Dinge und sehen oft nicht ein, warum es denn immer so weitergehen soll, wie in den letzten 30, 50, 80 Jahren. Dann rebellieren einige und andere fügen sich, verschieben im besten Fall die Rebellion auf später, wenn sie nicht mehr abhängig von ihren Familien sind oder eigene Familien gründen.

Auf dem Dorf ist das aber die Ausnahme. Hier herrscht ein extremer Gruppenzwang. Wer nicht mitmacht, wer nicht auf die Älteren hört oder sogar öffentlich Widerworte gibt, wird ausgestoßen.

Und das nicht nur von der eigenen Familie, sondern von allen im Dorf.

Meine Schwester hat schon früh unser Elternhaus verlassen und eine eigene Familie gegründet. Ihr Mann arbeitete in der Stadt, obwohl auch er „vom Dorf“ kam. Das führte zu einer seltsamen Mischung, mit der die Dorfgemeinschaft zwiespältig umging. Einerseits waren sie eine Familie mit Haus, dem Mann als Versorger und meiner Schwester als Hausfrau. Andererseits brachte sich ihr Mann nicht so stark ins Dorfleben ein, wie es sich gehörte. Er arbeitete in „der Stadt“, was hier als etwas Besonderes galt, aber er hat auf diese Weise eben „das Dorf“ im Stich gelassen, was nicht in Ordnung war.

Das änderte sich zum Positiven, als eines der Kinder meiner Schwester mit einer körperlichen Behinderung auf die Welt kam. Geistig war der Junge nicht beeinträchtigt, sogar recht schlau, aber die verkrüppelten Beine sorgten für Aufsehen in unserem – damals – 2000-Seelen-Ort.

Die Nachbarn kümmerten sich vordergründig um meine Schwester und ihren behinderten Sohn. Mitleid hat also dafür gesorgt, dass die Ausgrenzung kaum noch eine Rolle spielte. Auch wenn gerade in der Dorfkirche manche Leute von einer „Strafe Gottes“ sprachen, muss man sagen, dass von da an das Leben für meine Schwester entspannter war.

Ich dagegen blieb zuhause. Auch und gerade nachdem mein Vater bei einer Explosion in der Schmiede um’s Leben gekommen war. Nach der Volksschule machte ich eine Ausbildung zur Schneiderin. Das Hantieren mit Stoffen und das Anfertigen von Kleidung und sonstigen Textilien hat mir schon immer Spaß gemacht und auf diese Weise konnte ich mein Hobby zum Beruf machen und die verbleibende Familie finanziell unterstützen.

Es gab ja nur noch mich, meine Mutter und meine Tante. Das Feld verkam zum Acker, verwilderte mit den Jahren und lag dann nur noch brach. Die Rente meiner Mutter und ihrer Schwester hielt uns zusammen mit meinem Lohn aus der örtlichen Schneiderei so eben über Wasser und ich häkelte, strickte und schneiderte in meiner Freizeit für das halbe Dorf, um noch etwas dazu zu verdienen. Wir kamen über die Runden, aber es reichte nicht, um das Haus instand zu halten.

Dann schließlich kam mein Mann ins Spiel. Er hat sich, wie er sagte, fast augenblicklich in mich verliebt, als er mich an einem Tanzabend in der Dorfdiskothek sah. Ich half dort manchmal an der Theke aus. So konnte ich in die Disko gehen, ohne dass es mich Geld kostete, das ich nicht hatte. Er war dort mit Freunden unterwegs, feierten, dass einer von ihnen eine Arbeit als Monteur im Ausland angeboten bekommen hatte.

Er sprach mich an und überhäufte mich mit Komplimenten. Sicher, er hatte an diesem Abend schon einiges getrunken, aber da er sich so sehr ins Zeug legte und auch nicht schlecht aussah, ließ ich mir das gerne gefallen.

Wir unterhielten uns und verabredeten uns für das nächste Wochenende. Er wollte mich besuchen kommen und mehr von mir erfahren. Von mir! Ein junger Mann aus der Stadt! Ich war hin und weg, schwebte auf Wolken und zählte die Tage, die Stunden bis zum Wochenende.

Schließlich war der Tag gekommen und ich wartete fast buchstäblich an der Haustür auf ihn. Gegen Mittag kam er dann. Nicht mit dem Auto oder Fahrrad, sondern zu Fuß.

Ich war verwundert, hatte ich doch gedacht, dass er ein Auto besaß, doch als ich ihn darauf ansprach meinte er nur, dass er sich das im Moment noch nicht leisten könne, aber er sei ja nicht bettlägerig und könne „das bisschen“ auch laufen.

„Das bisschen“ waren knapp 10 Kilometer. Bergauf. Ich war perplex. Warum tat dieser Mann das? Tat er es für mich? Was wollte er? War das eine Masche, um mich ins Bett zu kriegen?

Diese und ähnliche Fragen schwirrten mir im Kopf herum, doch mein damals zukünftiger Mann lächelte die Zweifel einfach weg. Nachdem er einige Male bei mir war, erzählte ich meinen Kolleginnen in der Schneiderei von ihm. Sie waren reservierter, als ich gedacht hatte, denn obwohl sie sich für mich freuten, wie sie beteuerten, hörte ich doch Verwunderung und auch etwas Abneigung heraus. Oder war es Neid? Ich unscheinbare Frau aus einem Haus ohne Mann, Vater, Opa soll einen „Städter“ so beeindruckt haben, dass er sich täglich zu Fuß auf den Weg macht, nur um ein paar Stunden Zeit mit mir zu verbringen?

Da kann doch was nicht stimmen! Aber seine Hartnäckigkeit zahlte sich nach einigen Wochen aus und die Zweifel bei meinen Kolleginnen verschwanden. Es half sicherlich auch, dass er schon früh damit anfing, notwendige Arbeiten am Haus zu verrichten. Meine Mutter und meine Tante waren beeindruckt und natürlich sprach sich das schnell im Dorf herum.

Einzig meine Schwester blieb skeptisch und ihm gegenüber auf Distanz. Aber das kümmerte mich nicht. So sehr hatte mich dieser Mann verzaubert. Ich war glücklich, wenn er bei mir war und mein eintöniges Leben, das nur die Aussicht darauf bot, dass ich denselben Weg wie meine Vorfahren gehen musste, erschien mir etwas heller, zuversichtlicher. Ich hatte durch die Beziehung mit ihm eine Chance, es einmal besser zu haben.

Das Haus brachte er schnell auf Vordermann und als er dann einen neu abgeteilten Raum mir gegenüber als Kinderzimmer vorstellte, war ich die glücklichste Frau auf der Welt. Ich liebte diesen Mann – und ich tue es noch.

Meine erste Schwangerschaft endete leider mit einem toten Baby. Dies war noch vor meinem jetzigen Ehemann und ist etwas, was außer meinem Mann und meiner Familie – und natürlich meinem damaligen Freund – niemand weiß und wissen darf. Unverheiratet schwanger zu werden kam einer Todsünde gleich.

Als ich dann aber von meinem jetzigen Ehemann schwanger wurde und Sabrina schließlich ehelich auf die Welt kam, war unser Glück perfekt. Timo rundete das Bild der idyllischen Familie als Stammhalter weiter ab. Mein Mann platzte fast vor Stolz.

Sicher, der Sex wurde weniger und ich veränderte mich auch körperlich in dieser Zeit, aber ich hatte meine kleine heile Welt. Vater, Mutter, Kinder, so wie man es immer spielt. Ein Traum wurde wahr und als mein Mann, der mittlerweile sehr gut verdiente, mir schließlich eröffnete, dass er sich selbstständig machen möchte, dachte ich mir nichts dabei. Uns allen ging es blendend.

Meine Mutter starb, bevor Timo geboren wurde und meine Tante hatte einen Narren an meinem Mann gefressen, wie man so schön sagt. Warum auch nicht? Er hatte das Haus, das nun ihr gehörte, im Wert vervielfacht und ihr eine eigene Wohnung eingerichtet, wo sie für sich sein konnte, aber dennoch nicht alleine war.

Aus Dankbarkeit hatte sie schließlich mir und meinem Mann mein früheres Elternhaus vermacht; mit der Auflage, dass sie lebenslang dort wohnen bleiben durfte.

Das wiederum trieb einen weiteren Keil zwischen meine Schwester und mich bzw. meinen Ehemann. „Erbschleicher“ nannte sie ihn und redete fortan kein einziges Wort mehr mit ihm, außer wenn es zu einem Streit kam, was im Grunde immer der Fall war, wenn die beiden sich irgendwo trafen. Dass es mein Mann war, der dafür gesorgt hatte, dass überhaupt etwas zum Erben vorhanden war, war ihr egal.

Dennoch, es war eine gute Zeit. Eine unterm Strich ruhige und friedliche Zeit voller Möglichkeiten. Wir mussten uns keine Sorgen mehr um Geld oder größere Anschaffungen machen. Durch das Geld, was mein Mann nach Hause brachte, lebten wir quasi im Luxus. Das Haus hatte uns nichts gekostet, außer eine Hypothek, um meine Schwester nach der Schenkung oder Erbvorwegnahme auszuzahlen. Wir hatten als erste im Ort einen großen Farbfernseher von Grundig, eine riesige Polstergarnitur, Mahagonischränke im Wohnzimmer, einen wuchtigen Mahagonischreibtisch, wie man ihn von Anwaltsbüros her kennt und einen schicken Audi in der Garage stehen, mit dem wir auch in den Urlaub fuhren.

Ich war am Ziel und konnte mir kaum eine Steigerung meines Lebensstandards vorstellen. Doch die Schattenseite war, dass mein Mann kaum noch zuhause war. Er war meist 4, 5 oder auch 6 Tage in der Woche unterwegs. Meist kam er nur zum Schlafen nach Hause und das tat er dann oft genug noch auf der Couch, wenn er völlig erschöpft beim Fernsehen einschlief.

Aber er kümmerte sich rührend um unsere Tochter Sabrina. Wann immer er konnte, verbrachte er Zeit mit ihr und wenn er früh genug nach Hause kam, ließ er es sich nicht nehmen, ihr persönlich eine gute Nacht zu wünschen oder sie ins Bett zu bringen. Die beiden wurden mit der Zeit unzertrennlich und das machte mich wiederum glücklich.

Mit Timo kam er allerdings nicht so gut aus. Ich weiß bis heute nicht, warum das so war. Dafür war Timo ein echtes Mamakind. Stets suchte er meine Nähe und verbrachte gerne und viel Zeit mit mir. Ich hatte ja aufgehört, in der Schneiderei zu arbeiten und kümmerte mich voll und ganz um den Haushalt und die Kinder. Sabrina kapselte sich schnell von mir ab, schon im Kindergartenalter. Aber Timo blieb bei mir. Mein kleiner Sonnenschein.

Als Timo schließlich in die örtliche Grundschule kam, hatte ich die Hoffnung und auch die Angst, dass er nun Freunde finden würde, die ihn mir wegnehmen würden. Bis dahin war Timo eher ein Einzelgänger, der zwar bei mir aufblühte und fröhlich war, doch mit anderen Kindern nicht umgehen konnte oder wollte. Wir hatten es auch aufgegeben, andere Kinder zu uns einzuladen, da sowieso niemand kam und die Enttäuschung somit groß war.

Doch meine Befürchtungen waren unbegründet. Zwar freundete Timo sich mit einigen Mitschülern an, aber diese Freundschaften beschränkten sich auf die Zeit in der Schule. Zuhause hatte ich ihn wieder ganz für mich allein und wir beide genossen diese Zeit.

Timo war nun in der Grundschule und Sabrina ging aufs Gymnasium in der Stadt. Das war meinem Mann wichtig. Es gab zwar auch im Nachbardorf eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, doch er hielt nichts von dieser „Baumschule“, wie er diese bezeichnete, und überzeugte mich und auch die Lehrer schließlich davon, dass Sabrina in der Stadt zur Schule gehen sollte.

So wurde aus meiner Tochter ein Stadtkind. Sie hat den ersten Schritt aus dem Dorf heraus gemacht. Ich war meinem Mann so dankbar und so stolz auf meine Tochter! Ob es mit Timo auch so laufen würde? Auf den Kopf gefallen war er jedenfalls nicht, nur eben sehr anhänglich. Aber das gefiel mir. Es gefällt mir noch immer.

Ich will, dass es meinem Sohn gut geht. Schließlich ist er der Mann im Haus, wenn mein Ehemann wieder unterwegs ist. Ist das zuviel verlangt? Bürde ich ihm damit eine Verantwortung auf, die er gar nicht tragen kann?

Ich denke nicht. Auf dem Dorf hält man zusammen. Gerade als Familie ist es wichtig, dass man sich unterstützt. So wie meine Schwester und ich – und alle anderen Kinder – von klein auf zuhause mitarbeiten, mit aufs Feld oder in den Wald mussten, so muss Timo jetzt dafür sorgen, dass die Rolle des Mannes nicht frei bleibt, wenn der Ernährer unterwegs ist. Der Platz muss ausgefüllt werden. Und Timo macht das sehr gut mittlerweile.