TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 6: Timo

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Die Schule ist ganz in Ordnung. Im Kindergarten hatte ich kaum Freunde und war immer alleine, aber jetzt geht das besser. Wenn ich in der Schule bin, habe ich Spaß mit meinen Kameraden, wenn ich nach Hause komme, spiele ich mit Mama.

Papa ist kaum da, aber er muss so oft weg sein, damit wir ein schönes Zuhause haben. Das hat Mama mir erklärt.

Meine Freunde aus der Schule kommen nicht mit zu mir nach Hause, aber das ist in Ordnung. Ich bin gerne alleine und auch bei Mama und Sabrina. Da muss ich nichts machen, damit sie mich mögen. In der Schule helfe ich meinen Freunden immer bei den Hausaufgaben. Das mache ich auch gerne, weil sie so nett zu mir sind. Meistens jedenfalls. Blöd wird das nur, wenn ich keine Zeit oder Lust dazu habe. Dann schauen sie immer so komisch und tuscheln bis ich ihnen doch helfe oder die Hausaufgaben mit nach Hause nehme, damit ich sie in Ruhe machen kann.

So ist wohl das Leben.

In den Ferien bin ich glücklich. Da muss ich niemandem helfen und kann den ganzen Tag zuhause spielen. Mein Kinderzimmer ist direkt neben Mamas und Papas Schlafzimmer. Manchmal näht Mama hier auch Kleider, aber das stört mich nicht. Ich gehe dann ins Wohnzimmer und lege mich auf den flauschigen Teppich, wo ich dann in Ruhe meine Hörspiele hören kann. Ich finde das toll.

Wenn Papa nicht da ist, gehe ich auch manchmal nach oben in sein Arbeitszimmer. Da geht sonst kaum jemand rein, aber ich finde es super spannend da. Da sind so tolle schräge Wände mit Schränken davor, hinter denen man sich wunderbar verstecken kann! Hier findet mich niemand, wenn ich nicht will.

Wie Robin Hood im Wald.

Das blöde an den Ferien ist nur, wenn Papa morgens zu mir ins Zimmer kommt. Er spricht mich dann immer an und ich werde wach, oft schon ganz früh, noch vor Sonnenaufgang. Dann will er, dass ich mit ihm mitkomme.

Er ist oft unterwegs und fährt Sachen durch ganz Deutschland und noch weiter. Ich will aber nicht mitfahren. Das ist langweilig. Den ganzen Tag im LKW sitzen und Radio hören. Ich möchte das nicht. Ich kann nicht laufen, ich kann mich nicht verstecken, ich kann keine Hörspiele hören. Ich muss dann sitzen und ab und an gehen wir auf einer Raststätte eine Currywurst essen. Wir schlafen im Auto, wenn die Fahrt zu lange ist und sind dann am nächsten Tag wieder zuhause.

Ich habe dann nichts gemacht, außer mich gelangweilt und herumgesessen. Papa und ich reden auch nicht miteinander. Worüber auch? Er ist ja nie da und kennt mich kaum. Manchmal fragt er, wie es in der Schule läuft und wie es Sabrina oder Mama geht, aber das wars dann auch schon.

Immer nur rumsitzen. Ich will das nicht.

Manchmal wickle ich mich so fest in meine Decke ein und halte mich am Bett fest, dass er es nicht schafft, mich zum mitkommen zu zwingen. Er wird dann immer kurz laut, aber er muss ja auch los und geht dann, lässt mich in Ruhe. Ich warte dann ganz still unter er Decke, bis ich höre, wie der LKW wegfährt. Erst dann decke ich mich wieder richtig zu und schlafe etwas weiter.

Warum will er nie, dass Sabrina mitkommt? Oder Mama? Warum immer ich? Ich will hierbleiben. Bei Mama. Papa ist so oft weg, warum soll ich denn dann auch noch weg sein? Mama und Sabrina brauchen mich doch. Ich bin doch der Mann im Haus.

Manchmal bringt Papa mir was mit, wenn er irgendwo ganz weit weg war. Irgendwelche Münzen oder Geldscheine. Die sehen hübsch aus, aber im Laden will die niemand haben. Ich bin gerne Zuhause und finde es auch schön, wenn Papa bei uns ist. Aber wenn ich ehrlich bin, brauchen wir ihn gar nicht hier. Wir brauchen das Geld, aber wir brauchen keinen Papa, der nie da ist.

Außer sonntags. Da gehen wir immer ins Schwimmbad. Ich sitze dann bei Mama an der Theke und warte, dass Papa und Sabrina mit Schwimmen fertig sind.

Nächstes Jahr gehen wir mit der Schule schwimmen. Da lernen wir, wie wir ganz tief tauchen können und auch schnelles Schwimmen. So auf der Seite mit den Armen wie ein Bagger. Das wird toll. Dann kann ich auch mit Papa und Sabrina zusammen schwimmen. Mama schaut uns dann zu und trinkt ihren Wein. Das wird toll.

Papa hat mir auch versucht das Schwimmen beizubringen, als ich noch im Kindergarten war.

Wir waren in dem Schwimmbad, in das wir jetzt auch immer gehen. Da gab es mehrere Becken. Wenn man nicht schwimmen kann, geht man in das Planschbecken, aber Papa meinte, dass ich dort nicht schwimmen lernen kann, da das Wasser nicht tief genug ist.

Er nahm mich an die Hand und ging mit mir rüber zum Anfängerbecken. Das mit dem warmen Wasser, nicht das, wo Papa und Sabrina immer schwimmen. Mama hat auf Sabrina aufgepasst. Die war ja noch klein.

An dem Anfängerbecken gab es Stufen ins Wasser, aber keine Sprungblöcke. Die sind nur an dem großen Becken mit den Leuten, die schon alles können. Hier ist das Wasser warm und am Rand sind lauter alte Männer und Frauen, die die Augen zu haben. Das warme Wasser ist ja auch schön.

Papa ging dann mit mir die Stufen ins Becken runter, bis ich bis zur Brust im Wasser war. Das waren nur zwei oder drei Stufen, aber es war genug. Das Wasser fühlte sich gut an, aber als ich dann weitergehen sollte, war da nichts mehr unter meinen Füßen – und ich ging unter.

Ich hatte meine Schwimmflügel nicht an. Die stören nur beim Schwimmen, hat Papa immer gesagt. Ich hab gestrampelt und Wasser geschluckt und wollte wieder ans Ufer, zu den Stufen. Ich wollte nicht untergehen.

Papa hat mir den Arm hingehalten und mich so aus dem Wasser gefischt. Ich hab‘ glaub‘ ich geweint und Papa hat mich ganz böse angeschaut. Warum ich nicht mit den Armen gerudert hätte und ob das so schwer sei? Schwimmen können sogar Hunde, hat er gesagt.

Ich hab mich entschuldigt. Papa war enttäuscht von mir. Das fand ich ganz schlimm. Ich habe mich dann zusammengerissen und gesagt, dass er mir dann zeigen soll, wie ich es schaffen kann so toll zu schwimmen wie alle anderen.

Da nahm er mich wieder an die Hand und ging mit mir zur Rückseite des Anfängerbeckens. Das Becken wird dahin immer tiefer. Vorne bei den Stufen kann man als Erwachsener noch bequem stehen, hinten muss man strampeln, damit man nicht untergeht. Oder sich am Rand festhalten. Wie die alten Menschen da.

Als wir da angekommen waren, sah ich Mama und Sabrina, wie sie am Rand vom großen Becken saßen, die Füße im Wasser und den Rücken zu uns. Jetzt würde Mama gar nicht sehen, wie ich schwimme. Und Sabrina auch nicht.

Papa drehte mich zu sich und hob mich dann hoch. Er lächelte mich an und ich wollte fragen, wie ich denn jetzt schwimmen lernen soll. Da hob er mich noch ein bisschen höher und warf mich ins Wasser.

Ich wusste erst gar nicht, was mit mir passiert, aber es war auch spannend. Papa würde nichts tun, was mir weht tut. Aber das Wasser tat weh. Ich wedelte mit den Armen in der Luft und klatschte mit dem Bauch auf dem Wasser auf. Ich wusste gar nicht, dass Wasser so weh tun kann. Das war eben nicht so und beim Baden auch nicht. Ich ruderte weiter mit den Armen und Beinen und streckte meinen Kopf aus dem Wasser, so gut ich konnte.

Ich weiß nicht, was Papa in dem Moment gemacht hat oder ob Mama oder Sabrina gesehen haben, wie ich schwimme. Ich weiß nur, dass ich geschwommen bin. Alleine. Ans Ufer zu den Treppen.

Mein ganzer Bauch war rot und hat gebrannt, aber das war mir egal. Ich konnte schwimmen. Ich würde nicht untergehen, wenn ich ins Wasser gehe und keine Schwimmflügel dabeihabe. War Papa stolz auf mich? Ich hoffe es.

Ich kletterte aus dem Wasser und lief dann so schnell ich konnte auf dem nassen Boden zu Mama und Sabrina. Die beiden schauten mich mit großen Augen an, besonders Mama, die wissen wollte, was passiert war.

Ich hab ihr dann erzählt, dass Papa mir das Schwimmen beigebracht hatte. Es war ganz einfach. Nur hochheben, ins Wasser werfen und strampeln. Ich strahlte übers ganze Gesicht, ich war so stolz darauf, etwas gelernt zu haben. Und so schnell.

Aber Sabrina fing an zu weinen und Mama ging zu Papa und schimpfte mit ihm. Warum genau weiß ich nicht.

Danach hat Mama mir verboten, alleine ins Wasser zu gehen. Ich durfte zwar mit ins Schwimmbad, aber ich musste bei Mama bleiben. Meist hieß das, an der Theke sitzen und warten, bis Papa und Sabrina fertig waren. Aber das ist in Ordnung. Wir haben ja bald Schwimmen in der Schule und da lerne ich mehr. Und dann darf ich bestimmt wieder ins Wasser.

In den Ferien bin ich froh, wenn Papa nicht da ist. Wenn er endlich weggefahren ist und mich in Ruhe lässt. Warum zwingt er mich, mitzufahren? Es sieht doch überall gleich aus und wir steigen nie aus und schauen uns was an. Wir fahren nur, sitzen, essen und hören Radio. Zuhause kann ich machen was ich will und da mich auch niemand besucht, muss ich auch nicht aufpassen, was ich mache.

Nur auf Mama muss ich aufpassen. Und auf Sabrina. Ich will nicht, dass den beiden was passiert oder dass sie unglücklich sind. Sabrina ist in den Ferien oft mit dem Fahrrad unterwegs oder macht etwas mit der Kirche. Mama ist aber immer zuhause. Ich lerne sogar, wie man Knöpfe annäht! Das ist schön. Ich bin gerne hier. Und einer muss sich ja um alles kümmern!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s