Urlaubsverhalten

Fahrt ihr auch gerne weg? Mal raus aus dem Alltagstrott? Weg aus dem Bekannten, hin ins Neue, Fremde, Aufregende? Oder geht’s eher in die Bettenburgen, zu den großen Anlagen oder in Ferienparks, wo man schön unter sich bleibt und das schöne Wetter genießt?

Urlaub in dem Sinne kannte ich bis vor ein paar Jahren gar nicht. Wofür auch? Um in irgendeinem Land am Pool oder Strand rumzuliegen, bis der Tag der Abreise kommt oder jeden Abend im Restaurant zu essen und ansonsten eine Woche mit teuren Ausflügen oder im Hotelzimmer zu warten, bis man wieder nach Hause kann? Nee. Das alles kann ich auch haben, ohne erst wegfahren oder -fliegen zu müssen. Zum Schlafen und Nichtstun muss ich kein Geld ausgeben.

Das änderte sich erst, als ich etwas älter wurde. Ich bin immer noch kein Freund von „2 Wochen All-inclusive in Side für 159€!!!!“ oder „Unvergessliche Kreuzfahrt im westlichen Mittelmeer für nur 1299€ in der Innenkabine!!!!“. Ich mag sowas einfach nicht. Wie ich immer sage: Wenn für etwas Werbung gemacht wird, ist es unsinnig. Und mein Urlaub soll nicht unsinnig sein.

Ich möchte nicht abgefertigt werden, durchgeschoben in endlosen Schlangen, vorgekarrt mit Bussen durch irgendwelche Ruinen, die man gefälligst in 20 Minuten allumfassend erkunden muss. Mit Bändchen am Arm zur Bar schlurfen und billigen Alkohol in sich hinein schüttend auf das Ende des Tages warten, um sich dann früh genug eine Liege zu reservieren und der Erste am Büffet zu sein, damit man noch was vom wässrigen Rührei abbekommt.

Horror!

Ich bin gerne Tourist, ja. Aber ich wehre mich dagegen, ein typischer Tourist zu sein!

Pauschalurlaube fallen also flach. Mit Hund ist das alles sowieso nochmal was anderes. Wie zuletzt „mal eben“ in den Flieger hüpfen und Schweden mit dem Mietwagen erkunden – das geht nicht mehr so leicht. Ich hab’s hier noch nicht erzählt, aber dieser Urlaub war – neben Island – einer der schönsten Trips, die ich erleben durfte. 6 Wochen später trat allerdings Schika in unser Leben. Und dann noch Corona… naja. Urlaub im Sinne von „wegfahren“ ist somit eh erstmal gegessen.

Aber schon vor Schika habe ich – haben wir – lieber individuell gebucht. Klar ist das mehr Aufwand, aber wir sind auch flexibel. Wir können genau das buchen, was wir brauchen und wollen, sind an keinen Anbieter gebunden, müssen nicht Teil einer Herde sein, die dem Mann oder der Frau mit dem Fähnchen durch historische Stätten folgt, müssen nicht an Tag X zu Uhrzeit Y an Ort Z sein, um den Bus zu erwischen. Wir können alles in unserem Tempo erkunden – und genau darum geht es uns.

Wir sind Touristen, die wissen wollen, wie das jeweilige Land, die Leute, das dortige Umfeld „tickt“. Wir wollen die anderen Kulturen und Lebensweisen entdecken, mitmachen, erleben und nicht eine Fassade vorgesetzt bekommen, die doch nur darauf abzielt, einem noch mehr Kohle aus der Tasche zu ziehen. Potemkinsche Dörfer, die beim kleinsten Blick abseits der Vorgabe umfallen, keiner Frage standhalten. Künstlich aufgehübschten Orten, die nur toll aussehen sollen – oder eben so, wie der Tourist es erwartet.

Deswegen fahren wir mit dem Auto, auch wenn’s mal ein paar Stunden dauert. Ob in die Alpen (oh, das muss ich auch noch schreiben, da waren wir mit Schika) oder an unser Lieblingsziel Zeeland. Ob nach Prag, Südfrankreich oder einfach nur mal in die Eifel. Hauptsache NICHT in ein typisches Touristenziel und wenn doch, dann nicht in der Hauptsaison und auf keinen Fall in ein Hotel oder ähnliches. Nach Möglichkeit suchen wir uns private Unterkünfte, schon alleine wegen Schika. Wir versorgen uns selbst, gehen im örtlichen Supermarkt einkaufen, reden (entgegen meiner sonstigen Prämisse des Schweigens) mit den Einheimischen und genießen „das Andere“.

Als ich das erste Mal vor über 15 Jahren in Schweden war, habe ich das auch so gemacht. Es war mein erster „echter“ Urlaub. 3 Tage. Aber ich war eben noch nie da oben und Ryanair bot billig Flüge an. Warum also nicht? Im Supermarkt in Nyköping traf ich am Kühlregal eine deutsche Auswanderin, die dort seit 12 Jahren als Deutschlehrerin arbeitete. Ich kam mit ihr ins Gespräch und beschloss spontan, ihr Angebot anzunehmen, mich durch das Städtchen zu führen. Sie erzählte mir viel über die Geschichte der Stadt, über Schweden, die Beziehungen zu Dänemark und Norwegen. Es war interessant und informativer, als jede Tour, die man für teures Geld buchen kann.

Was ich gar nicht leiden kann sind Leute, die sich im Urlaub wie die Axt im Walde, fast schon wie Tiere verhalten in meinen Augen. Ganz ehrlich: auch wenn ich für Unterkunft, Verpflegung, Urlaub zahle, bin ich dadurch nicht Gott, nichts besseres als die Gastgeber. Wenn ich Gast bin, verhalte ich mich auch wie ein Gast und nicht wie jemand, dem alles gefälligst zusteht und wo der Gastgeber zu kuschen hat, wenn er schon so doof ist und uns einlädt. Der Gastgeber kann ja nix außer mich zu bespaßen, sonst würde er das nicht machen. Also soll er gefälligst für meine Unterhaltung sorgen! TANZ, SKLAVE!

Widerlich.

Wie damals in Irland, County Kerry, Killarney – ebenfalls vor Schika, noch vor dem ersten eigenen Hund sogar. Ein nettes Guesthouse am Stadtrand bei einer sehr netten irischen Familie, die sehr um das Wohl der Gäste bemüht waren. Großzügige Zimmer, liebevoll eingerichtet, nette Menschen, hilfsbereit und kein bisschen aufdringlich. Dort war noch eine andere Familie untergebracht, die ich umgehend als Deutsche identifiziert habe. Es war kaum zu übersehen. Nein, das ist falsch. Es war nicht zu überhören. Als Tourist fällt man optisch immer irgendwie auf, aber die Sprache verrät uns dann endgültig und unmissverständlich.

Beim Frühstück wurde gemäkelt (mache ich auch, wenn’s wirklich schlecht ist, aber ich sage das den Gastgebern direkt und ruhig), man machte sich über die „komische Sprache“ (irisch) lustig und über das „Gehopse“ in einer der Riverdance-Shows, die dort an allen Ecken gezeigt werden. Natürlich war es eine Frechheit, dass man „keinen anständigen Kaffee“ bekam! 5 Tage Gemecker dergestalt, dass die Iren zu blöd zu allem sind und wie geil man doch selbst ist.

Ich habe mir ab da so viel Mühe gegeben, dass ich möglichst niemals als deutscher Tourist im Ausland enttarnt werde. Ich möchte nicht mit solchen Leuten in einen Topf geworfen werden!

Auch im Disneyland Paris habe ich deutsche Touristen 10 Meilen gegen den Wind „gerochen“ und das meiner Frau auch gesagt. Möglichst Abstand halten, bloß nichts ins Gespräch kommen mit denen. Aber „die“ waren sowieso damit beschäftigt, sich mit dem Kinderwagen überall vorzudrängeln und konsequent Anweisungen auf Deutsch zu plärren. Mitten in Frankreich. Aber als Tourist ist das scheinbar ok. Nur in Deutschland soll man gefälligst Deutsch reden, ne?

In den Niederlanden, wo wir sehr gerne Urlaub machen, abseits von Ferienparks oder Hotelanlagen und außerhalb von Saison und Partyzeit, geht’s etwas besser. Doch auch dort trifft man immer wieder Leute, die es als selbstverständlich ansehen, dass die Menschen, die dort leben, sie beherbergen und verpflegen und auf das deutsche Geld „angewiesen“ sind, auch ja alles zu deren Zufriedenheit zu erledigen haben. Natürlich wird erwartet – noch nichtmal verlangt, sondern erwartet! – dass alle Niederländer deutsch sprechen. Gefälligst! Eine Frechheit ist das, wenn das mal nicht so ist!

Da wird auf Deutsch bestellt, geschimpft, gefragt und der arme Einheimische versucht zu erklären, dass er nichts versteht. Egal, der lebt von mir, der hat dann eben zu lernen. Immerhin bin ich Gast und als Gast muss ich GAR NICHTS! Nur die anderen müssen! Jetzt! Sofort! SEI MIR ZU DIENSTEN, UNTERMENSCH!

Man kann doch wenigstens versuchen, Englisch zu lernen. Nicht viel, aber doch ein bisschen. Es ist nicht schwer, es kostet nichts. Es hilft aber ungemein. Es hilft dabei, sich verständlich zu machen und nicht als arroganter Ausländer aufzutreten. Man kann sich mal in die Gastgeber hineinversetzen, nett sein, Rücksicht nehmen – auch und gerade als Gast! Man kann nicht nur verlangen und erwarten, sondern auch mal was dafür tun, dass der Aufenthalt angenehm wird. Wald, Echo und so.

Ich versuche vor jedem Auslandsaufenthalt (dazu zähle ich übrigens auch Bayern ;-D) zumindest die Grundlagen der jeweiligen Sprache zu lernen, damit ich verstehe, was auf den Schildern oder auf Speisekarten oder im Supermarkt so steht, wie man etwas ausspricht, wenn ich ansonsten auf Englisch kommuniziere. Ich gehe niemals (!) davon aus, dass mein Gegenüber automatisch Deutsch spricht. Warum auch? Kann ein Japaner, Schwede, Franzose, Spanier, Russe erwarten, dass Deutsche in Touristengebieten die jeweilige Sprache sprechen? Warum sollte das umgekehrt so sein?

Ich sehe es als Zeichen von Respekt, wenn man zumindest „Hallo“, „Tschüss“, „Ja“, „Nein“, „Bitte“ und „Danke“ in der jeweiligen Landessprache beherrscht. Das ist doch nicht viel, was man da machen muss. 6 Worte sollte sich jeder merken können und sie können einen sehr großen Unterschied machen. Ich möchte das jeweilige Zielland erleben – und ich möchte, dass mich die Gastgeber als Gast in Erinnerung behalten und nicht als „den Deutschen Touri“, der stur sein Ding durchzieht und sich durch sein Auftreten und Verhalten über alle anderen erhebt.

6 Worte und etwas Englisch, ein Lächeln und das Bewusstsein, dass man für den Urlaub bezahlt, aber nicht die Menschen käuflich erwirbt, sind nicht zu viel verlangt.

Mal schauen, wann wir das nächste Mal unbesorgt wegfahren können. Ans Meer, gerne auch im Winter, wenn kein Tourist außer uns dort sein Unwesen treibt…

3 Kommentare zu „Urlaubsverhalten

  1. Ich war nie viel weg gewesen – dafür hatte mir sehr viele Jahre einfach das Geld gefehlt.
    Mi 16 in Schweden mit der Kitche und dann mit 34 auf Malta. Fertig.
    Erst in den letzten 2 oder 3 Jahren geht es regelmäßig(er) – ich werd 51.
    Mein Mann und ich ziehen derzeit (noch?) innerdeutsch vor.
    Wir waren nun 3x im Norden, 1x Bayern und 1x im Schwarzwald – grob formuliert.
    Und wir hoffen, im Norden noch viele schöne Orte zu finden.

    Wir waren in Greetsiel. Das erste Mal war ich dort alleine – Januar/Februar.
    danach noch 2x zusammen, zwar in der Nebensaison, aber näher am Sommer.
    Es ist kein Vergleich, diesen wundervollen Ort im Winter völlig leer zu erleben und dann bei warmem Wetter derart viele Touristen(busse) durch die engen Gassen trampeln zu sehen.
    Ich liebe diesen Ort und fand dort etwas in mir, das ich zuvor nicht kannte.
    Aber Touristen? Und gleich derart viele? Nein, danke.

    Wir hoffen sehr, im Norden auch ruhigere Stellen zu finden.
    Wir suchen keine „Touri-Magnete“ oder „Attraktionen“ – wir lieben einsame, ruhige Natur und gemütliche Menschen.
    Und ja, diese so selbstherrlichen, selbstverständlichen, überheblichen Menschen widern auch uns an.
    Ob die wohl wöllten, dass man auch mit IHNEN so umgeht?
    Warum fällt es so vielen heute so schwer, sich *anständig* zu benehmen? Anstand? Scheint ein Fremdwort zu werden, dessen Bedeutung nur noch Ausgesuchte kennen.

    Wir sind dankbar, für die Zugewandtheit jener Menschen, deren Plan es ist, uns eine schöne Zeit zu geben.
    Dienstleistung bedeutet nicht Sklaverei.
    Wir gehen gern in ein Ferienhaus oder auch eine kleinere Pension. Und gucken dann, wie wir uns beschäftigen. Irgendwas findet sich immer, wenn man sich umsieht.

    Gefällt 1 Person

    1. Im deutschen Norden waren wir auch schon. Sogar in „Norden“. Aber hier fehlt uns die Freiheit in Bezug auf Schika. Es gibt kaum vernünftige Hundestrände, wo er mal legal flitzen, buddeln, baden kann. Und wenn, dann ist er überfüllt, voller Hunde, die nicht hören und Besitzer, die das nicht kümmert. An der Ostsee soll es angenehmer sein, aber 6, 7, 800 Kilometer fahren für etwas, das man besser, nein, sicherer auch mit nur 300 km haben kann? Nein. Es ist schön, wenn man einen Platz gefunden hat. Nicht nur was den Urlaub angeht. Und es schmerzt doch, wenn man sieht, was aus den Regionen wird – durch Egoismus, durch Sensationslust, durch Corona, Idioten, Politik und Geld. Ich gehe nicht davon aus, dass dieses Jahr irgendeine Art von Urlaub sinnvoll möglich sein wird. Vielleicht nach den Wahlen. Da sind alle immer ganz eifrig. Wobei ich da Angst vor Schwarz/Grün habe. Ideologen und Macht haben noch nie zu irgendwas Gutem geführt. Aber ich schweife ab, reg mich schon wieder auf. Muss erstmal die Gedanken wegen meines Halses und was auch immer da stört verdrängen. Dienstag ist noch lange hin

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, so ein Hals-Thema ist grausig.
        Ich hatte auch fast mein Leben immer diesen „Klos im Hals“ – inzwischen lebe ich halt damit.
        Aber ich hab „Schilddrüse“ und bin mehrfach gewürgt worden in meinem Leben.
        Nachdem ich noch immer lebe, ist das bei mir wohl Trauma.
        Aber wenn das neu ist, ist es gut, sich zu kümmern und klar, dass es ängstigt oder zumindest verunsichert.

        In Greetsiel merkt man halt, dass die örtliche Politik voll auf Tourismus setzt und damit die „echten Einwohner“ völlig verdrängt und unterdrückt.
        Schlimm, wenn es derart ums Geld geht.
        Und ja, selbst ohne eigenen Hund ist mir das aufgefallen, dass es dort keine Freude macht, einen Hund zu haben.
        Sehr viele Einschränkungen, Verbote und Regeln. Und das bißchen „Hundestrand“ ist derart überfüllt, dass es gruselt.

        Bei uns ist der Norden per se über 600km weg – somit kommt es dann auf 200km links oder rechts auch nicht mehr an.
        Aber dann bleiben wir auch 8-10 Tage und freun uns dann eh wieder auf Zuhause.
        Eher wegen dem Daheim; weniger wegen dem Ort.
        Vielleicht schaffen wir es ja wirklich, irgendwann in den nächsten 5 Jahren hoch zu ziehen.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s