TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 10: Timo

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Meine Mama ist toll. Sie ist die beste Mama, die man sich wünschen kann. Jeden Tag ist sie für mich da und sorgt dafür, dass es mir gut geht. Und Sabrina natürlich auch.

Papa ist selten bei uns, aber das macht nichts. Früher hat es mir was ausgemacht, aber jetzt nicht mehr. Je öfter und länger Papa weg ist, desto besser finde ich das. Denn dann können Mama und ich ganz viel Spaß zusammen haben. Immer und wann wir wollen.

Papa soll ja nichts davon wissen. Das ist in Ordnung, auch wenn ich nicht verstehe, warum genau das so ist. Er macht doch auch, dass es Sabrina gut geht. Wir sind eine Familie, aber irgendwie doch nicht. Das fühlt sich seltsam an.

Mama war letztens ganz lieb zu mir. Sie hat mir gezeigt, was Papa mit Sabrina macht. Also, nicht genau das, aber so ähnlich. Ich bin ja ein Junge und meine Schwester ein Mädchen.

Das hat sich so gut angefühlt und ich freue mich so, dass ich kaum warten kann, bis Mama und ich wieder unter der Decke kuscheln. Sabrina geht es sicher auch so mit Papa. Deswegen ist sie auch so oft in ihrem Zimmer und liest. Sie wartet auf ihn, dass er sie fröhlich macht und vertreibt sich die Zeit bis dahin mit Lesen. Ich mag diese Pippi-Bücher nicht. Da sind nur doofe Kinder, die gar nicht wissen, wie viel Spaß man mit Erwachsenen haben kann! Aber Sabrina mag die Geschichten. Mädchen sind schon komisch.

Ich finde es blöd, dass ich auch nicht mit meiner Schwester über Mama und mich reden darf. Aber wenn ich das mache, können wir nicht mehr zusammen sein. Das will ich nicht, also bin ich still. Ist ja auch nicht so schwierig.

In der Schule rede ich sowieso nicht von Zuhause. Das interessiert da niemanden. Und wenn ich blad zur Feuerwehr gehe, wie Mama mir versprochen hat, gibt es andere Sachen, über die ich reden kann. Dass uns niemand besucht, außer meiner Tante ab und zu, ist mir jetzt egal. Ich will nur so oft es geht bei Mama sein. Ihr darf nichts passieren.

Manchmal, wenn ich drauf warte, dass Papa endlich wegfährt, höre ich, wie er sagt, dass er Mama liebt. Das macht mich etwas traurig und ich glaube auch böse..? Wenn er Mama liebt, warum geht er dann weg? Das ist seltsam, finde ich. Ich bin immer da, wenn Mama mich braucht und Mama ist immer da, wenn ich sie brauche.

So soll doch Liebe sein, oder? Dass man füreinander da ist, egal was kommt, egal was ist. Also liebt Mama mich und ich liebe sie. Das ist toll! So wie Robin Hood die Jungfrau Marian auch liebt. Ab jetzt ist Mama Marian und nicht mehr Sabrina. Und Robin Hood beschützt sie vor allem, auch vor dem Sheriff.

So wie eben. Papa ist nach Hause gekommen, aber er war nicht oben bei Sabrina, wie er es sonst immer macht. Ich war nebenan bei Mamas Tante und habe dort geholfen, einen Kuchen zu backen. Den wollen wir morgen alle zusammen essen. Käsekuchen mit Mandarinen. Lecker!

Ich hab gehört, wie Papa richtig laut durch den Flur gestapft ist. Das macht er sonst nicht. Ich hab dann ganz vorsichtig die Tür aufgemacht und geschaut, was er macht.

Papa hat die Tür zur Küche ganz fest aufgemacht, so dass sie gegen den Schrank dahinter geknallt ist. Ich hab mich richtig erschrocken! Mama saß am Esstisch und Papa blieb in der Tür stehen und hat sofort angefangen, sie anzuschreien.

Mama fing an zu weinen, das konnte ich deutlich hören, aber was Papa genau gesagt hat, weiß ich nicht. Es war zu laut und ich verstehe nicht immer alles, was er sagt. Ich hab ganz doll versucht zu lauschen, aber nur ein paar Worte verstanden. Nur dass Mama immer mehr geweint hat, habe ich mitbekommen. Mama darf nicht weinen! Es muss ihr gut gehen! Und Papa macht, dass es Mama schlecht geht!

Das Weinen von Mama war so laut in meinem Kopf, dass ich nicht mehr anders konnte. Ich hatte zwar noch Angst, aus meinem Versteck zu kommen, aber ich musste Mama helfen. Wer denn sonst, außer mir konnte das tun? Es ist meine Pflicht. Das macht man so wenn man sich liebt.

Ich ging also raus in den Flur und stellte mich hinter Papa, der immer noch rumbrüllte. Mama hat mich gesehen und erschrocken angeschaut, aber ich musste etwas tun. Papa drehte sich um, damit er sehen konnte, was hinter ihm war, aber da hatte ich schon ausgeholt und ihm mit aller Kraft gegen das Bein getreten. Ganz fest, so stark wie ich konnte. So stark, dass ich umgefallen bin.

Und es hat geholfen. Papa hat Mama nicht mehr angeschrien. Er ist kurz eingeknickt, aber er ist stehengeblieben. Ich lag jetzt vor ihm auf dem Boden und hab ihn ganz böse angeschaut. Zumindest glaube ich das, denn meine Augen waren voll mit Tränen, weil ich so sauer war, dass er Mama angebrüllt hat. Das darf niemand!

Er packte mich am Hals und zog mich hoch. Nun stand ich vor ihm, hatte die Hände zu Fäusten geballt und schaute ihn ganz böse an, während mir Tränen aus den Augen liefen.

Ein paar Sekunden passierte gar nichts, dann spürte ich einen stechenden Schmerz im Gesicht, als mich seine Hand mit voller Wucht traf.

Jetzt liege ich hier auf der Couch im Wohnzimmer, wo Mama und ich immer ganz nah zusammen sind. Sie muss mich hergebracht haben, aber ich weiß von nichts mehr.

„Schhhh, mein Engel. Papa ist wieder weg. Alles ist gut.“, sagt sie und tupft mir mit einem nassen Tuch über mein Gesicht.

Ich liege in ihrem Schoß und spüre keinen Schmerz. Nur Freude und Stolz.

Ich liebe sie.

4 Kommentare zu „TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 10: Timo

    1. Das ist ein großes Problem, mit dem sich keine Partei, keiner auf Twitter, und kaum wer sonst beschäftigt: Männer sind Täter, Frauen Opfer. Punkt. Sieht man schon daran, dass überall gegendert wird, nur bei negativen Begriffen nicht. Quoten gibts auch nur für Vorstandsposten, nicht für die unangenehmen Jobs. DAS kotzt mich an, denn DAS ist wirklich ungerecht, diskriminierend und sexistisch. Deswegen halte ich mich von Leuten fern, die sowas forcieren – für mich steckt da nämlich mehr hinter, als nur sich beim Schreiben umgewöhnen zu müssen. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: jeder MENSCH kann Opfer oder Täter sein. Jeder. Jede Person. Jungs wird beigebracht, stark zu sein. Geheult wird nicht, ein Indianer kennt keinen Schmerz. Also halten Jungs die Klappe, kommen gar nicht auf die Idee, Opfer sein zu können. Sie dürfen es auch nicht, weil sie dann nicht mehr männlich sind. Und Frauen tun ja nix, haben ja keinen Penis, können gar nicht sexuell missbrauchen. Diese Haltung, diese Ansicht macht mich krank, widert mich an. Opfer und Täter – das wird immer noch, und durch diesen Genderscheissdreck noch mehr als jemals zuvor, am Geschlecht festgemacht! Für Mädchen, Frauen ist es schon schwer bis unmöglich, überhaupt mit jemandem zu reden, sich anzuvertrauen, sich zu öffnen. Für Jungs, Männer ist das gar nicht denkbar. Männer sind keine Opfer. Opfer sind schwach. Schwäche ist nichts für Kerle. Was ein idiotischer Mist. Ansichten aus der tiefsten Steinzeit, die es nicht leichter machen, sowas zu verarbeiten oder auch nur daran zu denken. Dazu kommt noch, dass Männer direkt sind, wenn sie als Täter auftreten. Sie schlagen, die drohen, sie schüchtern ein. Frauen sind subtiler, manipulativen, geduldiger. Da gibts keine sichtbaren Spuren. Sie können ihre Taten auch besser verstecken, denn „Frauen machen sowas nicht“. Die Gesellschaft mit ihrem Rollenbilder hilft dabei, diese Täterinnen zu schützen und zeigt sogar oft Verständnis bei Verhandlungen, sucht einEN SchuldigEN, der die TäterIN zu ihrer Tat getrieben hat. Darum kümmert sich niemand. Das ist egal. Sind ja nur Männer. Die sollen sich nicht so anstellen (O-Ton einer Therapeutin zu mir). Wie es mir mit dem Erlebten geht? Dazu muss ich sagen, dass es insgesamt drei Kinder in der Familie im Buch gibt. Sie sind nicht 1:1 auf meine Familie übertragbar. Erlebtes habe ich zwischen den einzelnen Kindern aufgeteilt, nicht alles ist also jedem Kind passiert, aber diese Dinge sind ‚einem der drei‘ zugefügt worden. Das musste ich alleine schon aus Gründen des Selbstschutzes machen. Manche Leute von damals leben noch. Meinen Bruder hat es am härtesten getroffen. Therapien, kaputte Ehe, Infragestellung des gesamten Lebens. Er ist etwas älter als du. Und er hat wieder bei 0 anfangen müssen vor einigen Jahren. Meine Erlebnisse… ich war schon immer ein ‚Denker‘ und habe mich früh gewehrt. Ich habe auch viel aushalten können. Und ich war Gottseidank in der Lage, mich früh genug (?) abzukapseln. Wäre ich 10 Jahre früher geboren worden, hätte es vielleicht anders ausgesehen. Da war ‚Mutter‘ noch stärker, aber so konnte ich ausbrechen. Irgendwie. Aber auch bei mir hat es bis in die 30er gedauert, bis es KLICK gemacht hat. Man sieht mit einem Mal das ganze Leben aus einem anderen Blickwinkel. Gerne hätte ich ‚Vater‘ und ‚Mutter‘ konfrontiert… diese Möglichkeit wurde mir genommen. Vielleicht ist das gut so. Mittlerweile kann ich damit umgehen, dank meiner Frau und VIEL Eigentherapie, Denkarbeit, Schreiben. Vergessen kann ich nicht. Will ich auch nicht. Darf ich nicht. Ich fokussiere mich darauf, sowas öffentlich zu machen, auch wenn es scheinbar keinen Markt dafür gibt. Ist eben keine heile Welt. Und es rüttelt an den festgefahrenen Rollenbildern, die derzeit ja noch fester zementiert werden. Daher veröffentliche ich das Manuskript hier. Kostenlos, kapitelweise. Aber auch nur die harmloseren Kapitel. Man muss ja aufpassen, was man schreibt. Ich müsste manche Vorgänge umschreiben, weniger explizit darstellen, damit es ‚regelkonform‘ ist. Du kennst das ja selbst. Aber da ist nichts zu beschönigen. Sowas kann man nicht umschreiben ohne die Dramatik rauszunehmen. Wenn du willst, kann ich dir irgendwann mal die nicht veröffentlichten Kapitel zuschicken. Und was tut man bei einem Mann? Genau dasselbe wie bei einer Frau. Wir sind alles Menschen. Und wir sollten alle gleich behandelt werden, finde ich. Danke übrigens für deine Kommentare. Sie motivieren mich jedesmal 😊

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      1. Danke
        Ich hab Angst, einem Mann mit Herzchen zu nahe zu treten; Grenzen zu überschreiten oder mißverstanden zu werden. *Herzchen* haben in der Regel ihre Symbolik in dieser Konstellation und ich muß glaub noch üben, dass Du damit klar kommst 🙂

        Ja, ich unterschreibe alles, das Du bzgl. Täter-innen schreibst.
        Ich hab irgendwo selbst mal viel dazu geschrieben.
        Tätermänner sind offen agressiv und oft körperlich gewalttätig.
        Täterfrauen sind wie Spinnen.
        Sie weben Netze, in welchen Du dich verfängst und am Ende *selbst Schuld* bist.
        Frauen sind für mich die weitaus schlimmeren Täter. Weil sie subtiler sind und weitaus giftiger, als Männer. Meist.

        Mein Mann wird jetzt 40 und kommt erst jetzt nach und nach dahinter, dass wir doch nicht so verschieden sind, wie er glaubte.
        Erst jetzt lernt er seine Mutter erkennen. Und er erschrickt fast zu Tode, was da war, ohne dass er es gemerkt hatte.

        Dein Text berührt dies in ähnlicher Art und Weise. Oft fürchte ich, diese *ganz besondere Art lieb zu haben* ist so derart zerstörerisch, weil wie soll man merken, dass das, was doch (vermeintlich) gut tut, Gewalt ist? Als Kind?
        Selbst später noch.

        Es ist tragisch, unmenschlich und diamantenhart, dass Männer in unserer ach so „zivilisierten“ Gesellschaft noch so viel mehr bemühen müssen, Hilfe zu bekommen.
        Diese generalisierte Blindheit gegenüber Gewalt; diese Potenzierung der Gewalt durch Unglauben
        bringt derart an Grenzen.

        Selbst Helfer dürfen/können blind sein.
        Und am Ende doch nur helfen, um sich selbst zu helfen. Weil sie etwas anderes garnicht wollen.
        Als Schulterklopfen und Anerkennung.
        Und kaum einer sieht es.

        Am Ende machen wir ja aber doch immer weiter.
        Mit unserem Kämpfen um Leben.
        Auch ohne die.
        Alles Liebe dir und deiner Frau.

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