TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 11: Sabrina

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Irgendwie wird es in letzter Zeit immer angespannter, nerviger, lauter hier bei uns. Papa ist immer seltener zuhause und wenn, dann gibt es meist Streit mit Mama. Timo hält sich raus. So ist er eben. Meist spielt er dann nebenan in Papas Arbeitszimmer oder ist unten bei der Großtante und wartet, bis es wieder ruhig ist.

Und ich? Ich komme von der Schule nach Hause, esse etwas von dem was Mama gekocht hat und gehe auf mein Zimmer. Jeden Tag. Warum auch nicht? Mit Mama komme ich nicht so gut klar. Sie ist so sehr auf Timo fixiert, dass da kein Platz für mich ist. Papa kommt zu mir, wenn er wieder Sex will und das geht sowieso nur hier oben, wo uns niemand stört.

Also wo soll ich hin? Mein Leben besteht daraus, zur Schule zu gehen, zu essen und zu schlafen und meinem Vater Befriedigung zu verschaffen. Ist das wirklich schon alles? Klar, die Zeit in der Kirche ist noch zur Abwechslung da. Hier kann ich Klavier spielen und auch Gitarre, aber ich mache das nicht gerne vor Publikum. Dafür bin ich nicht gut genug, auch wenn andere das Gegenteil behaupten.

Meist spiele ich im kleinen Kreis, also zum Beispiel im Kindergottesdienst, der vor dem „richtigen“ Gottesdienst stattfindet, und dann auch nur einfache Kinderlieder wie „Danke für diesen guten Morgen“ oder sowas. Das ist auch immer dasselbe, aber wenigstens ein anderes „Selbes“.

Dann gibt’s da noch das CVJM und die Freie Evangelische Gemeinde. Die sind nicht so steif wie die Kirche und irgendwie moderner, auch wenn das manchmal etwas aufgesetzt wirkt. CVJM ist immer donnerstags abends. Hier darf ich hingehen, wenn Papa unterwegs ist. So hat Mama auch mehr Zeit für Timo.

Im CVJM treffen sich Jungs und Mädchen in meinem Alter und reden über Gott, Jesus und wie schön doch die Welt ist. Das CVJM-Heim liegt am Dorfrand, fast schon außerhalb. Von hier kann man den Friedhof sehen, der hinter den Pferdekoppeln liegt. Um hierhin zu kommen, muss man von uns aus durch das halbe Dorf und ein Stück durch den Wald. Es ist nicht weit, aber es fühlt sich an wie eine andere Welt. Wald und Felder, Ruhe und Frieden und mittendrin dieses weiße Steingebäude mit dem roten Dreieck an der Seite.

Auch wenn ich die Ansichten, die die Redner dort verbreiten, nicht komplett teile, tut es ganz gut mal rauszukommen und mit anderen Menschen in meinem Alter zu reden. Alle sind so freundlich und schaffen eine Atmosphäre, in der man sich willkommen fühlt. Ich fühle mich dort willkommen und nicht nur als jemand der „da ist“ und macht was von ihr erwartet wird. Hier ist es egal, wie gut ich bei irgendwas bin oder woher ich komme. Zumindest habe ich diesen Eindruck. Man kann den Leuten ja nur vor den Kopf schauen. Aber ich will es auch glauben.

Ein Klavier gibt es hier zwar ebenso wenig wie eine richtige Heizung, aber ich kann meine Gitarre mitbringen und auch mal andere Lieder spielen, die etwas mehr als 2 Akkorde benötigen. Wir haben sogar eine richtige kleine Band, die auch schon Auftritte in der Gemeinde hatte, aber da mache ich meist nicht mit. Ich mag kein Publikum, keine fremden Leute, die mich beobachten und am Ende noch kritisieren, auslachen, beschimpfen, wenn ich nicht gut genug bin.

Ich habe auch schon ein paar Freunde gefunden. Auf dem Gymnasium in der Stadt bin ich nicht glücklich. Klar, es macht Spaß, so viel Neues zu lernen und die Lehrer sind auch toll, aber ich komme vom Dorf – und das lassen mich meine Klassenkameraden jeden Tag spüren. Papa meinte es gut, als er mich aufs Gymnasium gebracht hat, aber es tut mir nicht gut. Ich wünschte, ich wäre auf der Schule, wo alle meine Freunde hin gewechselt sind. Die sehe ich nun gar nicht mehr. Nur ein oder zwei kommen selten ins CVJM und selbst da reden sie kaum mit mir. Ich bin eben die, die sich für was Besseres hält – und in der Stadt bin ich die Dumme vom Dorf.

Wo gehöre ich also hin?

Vielleicht finde ich die Antworten, wenn ich lange genug in der Bibel lese und die Treffen besuche. Auch deswegen bin ich froh, wenn Papa länger unterwegs ist. Dann kann ich „ich“ sein oder zumindest versuchen herauszufinden, wer ich eigentlich bin und was das alles für einen Sinn hat.

Demnächst müssen wir uns einen Praktikumsplatz suchen, hat unsere Klassenlehrerin gesagt. Wir sollen lernen, wie es in der Arbeitswelt zugeht und so auch Erfahrungen sammeln, damit wir irgendwann mal erkennen, was wir eigentlich später mal machen wollen und wo unsere Stärken liegen.

Mir graust es davor. Nicht, dass ich dann so lange weg bin von meiner Familie, aber dass ich mich vor wieder anderen Fremden beweisen muss, ohne zu wissen, was genau auf mich zukommt. Warum muss das sein? Ich habe keine Ahnung, was ich mal werden will. Wie soll ich mich da für einen Praktikumsplatz entscheiden oder überhaupt erstmal einen finden?

Das alles schwirrt in meinem Kopf herum. Ich liege in meinem Bett und komme einfach nicht zur Ruhe. Ich habe keine Lust zu lesen und es ist noch zu früh zum Schlafen. Also denke ich nach. Ich zähle die Bretter an der Dachschräge und weiß einfach nicht, was ich machen soll. Ich muss irgendwas tun, aber was? Irgendetwas, das mich vom Denken abhält.

Dann höre ich die Haustür. Ist das Papa? Er wollte doch erst morgen wieder da sein, hat Mama gesagt. Ich stehe auf und gehe zur Treppe. Am Geländer vorbei kann ich den Flur sehen und erkenne wirklich Papa da unten. Aber er geht nicht nach oben, nicht zu mir. Was ist da los?

Gespannt warte ich hier oben, an das Geländer gelehnt und ganz vorsichtig atmend, was nun passiert. Papa geht zur Küchentür und fängt sofort an, Mama anzuschreien.

Oh Mann! Ja, sie haben Streit. Ja, das passiert öfter. Aber so unerwartet, so plötzlich? Ich will weggehen, aber etwas hält mich hier, will wissen, was da los ist. Also lausche ich weiter. Papa ist ja laut genug, da muss ich mich nicht anstrengen. Ich darf nur nicht entdeckt werden.

„Sag mal, was stimmt denn nicht mit dir?!“, brüllt Papa. „Ist das wahr was deine verschissene Hure von Schwester überall rumposaunt?“

Mama weint sofort los, ich muss genau hinhören, um sie zu verstehen.

„Schatz … was … wieso bist du? Was meinst du?“, höre ich sie fragen.

„Tu nicht so, du weißt das ganz genau! Ihr primitiven Gestörten hier in eurem Kaff! Was ist hier eigentlich los?“, will Papa wissen.

„Was meinst du denn, verdammt nochmal?!“, wird Mama nun auch lauter, doch ihre zitternde Stimme verrät ihre Unsicherheit. Das hat Papa auch gemerkt.

„Was war mit deinem ersten Kind? Und dem Dorfdepp, der dich gefickt hat? Warum muss ich das von deiner dreckigen Schwester erfahren, die es ja kaum erwarten konnte, mir eins reinzuwürgen?!“

Papa hat mit meiner Tante geredet? Die beiden reden doch nie miteinander. Das wird immer komischer. Mama ist schlagartig still geworden. Scheinbar hat Papa da was erfahren, was er nicht wissen durfte. So wie ich auch gerade… Oh Mann!

„Jetzt bist du still, ja? Hast doch sonst immer so eine große Klappe! Du erzählst mir jetzt alles, bevor ich mich vergesse!“, Papa steht noch immer in der Tür, aber was ist das? Ist das Timo?

Ich sehe jetzt erst, dass die Tür zur Wohnung meiner Großtante einen Spalt offensteht und Timo seinen kleinen Dickkopf rausstreckt. Hat er alles mit angehört?

„Mach’s Maul auf, verdammte Scheiße!“, brüllt Papa. Und dann passiert es: Timo läuft auf den Flur, hinter Papa und tritt ihm mit aller Kraft gegen das Bein. Nur fällt Timo um statt Papa.

Papa dreht sich um, sieht meinen Bruder am Boden liegen und packt ihn am Hals. Er zieht ihn auf die Füße, holt aus und schlägt ihm mit voller Wucht ins Gesicht, so dass er gleich wieder zu Boden fällt und liegen bleibt.

Ich kann einen Schrei nicht unterdrücken, so geschockt bin ich, halte mir sofort die Hand vor den Mund und renne in mein Zimmer, ins Bett, unter die Decke.

Hoffentlich hat mich niemand gehört. Verdammt! Die Tür ist noch auf. Schnell das Licht ausmachen und dann ganz still sein.

„Du Monster! Hau ab! Hau ab! Ich will dich nie mehr sehen, du Arschloch!“, kann ich Mama weinend schreien hören, auch unter der Bettdecke.

Es ist kurz ruhig, nur Mamas Weinen ist zu hören. Dann folgen schwere, stampfende Schritte. Papa geht …?

„Hau ab!!“, ruft Mama nochmal. Dann geht die Haustür auf und Papa ruft zurück: „Deine Schwester hat Brustkrebs. Zu Recht. Hoffentlich verreckt sie oder sie schneiden ihr wenigstens die Titten ab!“

Zwei weitere Stampfer, dann knallt die Haustür zu und nur noch das Weinen von Mama im Flur ist zu hören.

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