Hilfe als Elendskatalysator

Achtung: Hier stelle ich eine provokante These auf. Wer nicht willens oder in der Lage ist, Gedankenexperimente durchzuführen oder genau weiß, was jeder Mensch braucht, will, soll und darf, der sollte nicht weiterlesen.

Wir sind fortschrittlich, zivilisiert und hoch entwickelt. Wir lassen Maschinen arbeiten, schützen alles und jeden und sorgen uns um die Welt.

Aber sind wir nicht auch arrogant? Wir sorgen uns nicht nur, wir sind auch der Ansicht, dass wir genau wissen, was jeder einzelne Mensch in jedem Land, jeder Kultur und jeder Gesellschaft braucht und will – zu wollen hat.

Erzwingen wir nicht etwas, was eigentlich von selbst kommen sollte, indem wir unsere Werte und Normen, unsere Art zu Leben allen anderen überstülpen?

Wir sehen irgendwelche Zustände in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten in uns völlig fremden Kulturen, sagen „das ist schlecht“ oder „das darf nicht sein“ und benutzen dann unsere Macht, unser Geld und unseren Einfluss, um diese Zustände zu ändern. Und zwar so, dass sie unseren Vorstellungen entsprechen.

Wir transformieren fremde Kulturen, Menschen, Völker, Lebensweisen so, dass sie uns passen. Ist das richtig? Ist das fair?

Wer sind wir denn, dass wir entscheiden dürfen, wie andere zu leben haben? Wer oder was gibt uns das Recht dazu?

Wir sehen Stammeskulturen in afrikanischen Ländern, die über Jahrhunderte hinweg gewachsene Strukturen aufweisen. Wir sehen, wie die Menschen dort leben und es gefällt uns nicht. Wir möchten nicht so leben, könnten es nicht. Somit gilt das auch für diese Menschen. Denn wir wissen, was gut, richtig, fair ist. Die nicht. Wir müssen also helfen, Einfluss nehmen.

Wie so oft gilt: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

Wir pumpen Geld in diese Länder, leisten „Entwicklungshilfe“ nach unseren ethischen, moralischen und wirtschaftlichen Vorstellungen … und es ändert sich nichts. Das Geld landet bei den Mächtigen, nicht beim „armen Volk“. Die Leistungen werden gerne in Anspruch genommen und die Freigiebigkeit ausgenutzt von denen, die schon alles haben.

Denn egal wie viel Geld und Hilfe wir schicken, die Kultur bleibt, die Gesellschaft bleibt, die Strukturen bleiben. Der Stammesführer – ob man nun Häuptling oder Präsident sagt – hat die Macht und bekommt das Geld. Ob und was bzw. wie viel er an sein Volk weitergibt, liegt nicht bei uns. Und es ist nunmal so, dass sich absolute Herrscher oftmals selbst bereichern. Warum auch nicht? Das war bei uns auch nicht anders bis vor wenigen Jahrhunderten.

Das wird sich so bleiben, solange sich die Kultur nicht ändert, sich die Gesellschaft dort nicht wandelt. Ob man im Stammesverbund mit 100 Leuten lebt oder mit 1.000.000 Menschen ein Volk bildet, das genauso aufgebaut ist und genauso funktioniert, ist egal. Das Geld, die Hilfe kommt kaum beim einfachen Mitglied, beim normalen Bürger an, denn der Boss entscheidet, profitiert, bestimmt.

Aber kann man eine Gesellschaft zwingen, sich zu „verbessern“? Wer entscheidet denn, was „besser“ ist? Sorgt die geleistete Hilfe und Unterstützung nicht eher dafür, diese Strukturen zu festigen, die für uns unhaltbaren Zustände zu verstärken? Schaffen wir mit unserer „Hilfe“ nicht erst das Leid, das wir so dringend zu lindern versuchen? Sind wir also nicht maßgeblich dafür verantwortlich, weil wir uralte Machtstrukturen fördern?


Darf man sowas heute überhaupt noch denken? Philosophie ist frei, aber ob das heute noch uneingeschränkt gilt…?


Klar, manche Länder nennen sich nun „demokratische Republik“, doch hinter diesem Begriff läuft es weiter wie bisher. Weil es nicht von „innen“ kommt. Weil kein Lernprozess erfolgt ist, weil das Volk sich nicht bewusst ist, welche Macht es eigentlich hat. Man kennt es so, dass da einer das Sagen hat und basta. Wie man den nun anspricht ist irrelevant.

Da wir stets von uns und unserer Denkweise ausgehen, verstehen wir auch nicht, warum sich nichts ändert. Da haben „die“ schon eine Demokratie und trotzdem gibts Krieg, Hunger, Armut. Aber anstatt endlich aufzuhören uns einzumischen, verschlimmern wir alles nur immer weiter.

Wir pumpen Geld in Machtstrukturen und wundern uns, warum die immer noch existieren. Die einzigen, die das erkannt haben sind die, die allgemein kritisiert werden: global agierende Konzerne. Die haben begriffen, wie diese Länder, diese Herrscher arbeiten. Deswegen können sie dort das Volk (mit) ausbeuten. Da werden Fabriken gebaut, Schmiergelder gezahlt, manche bauen ganze Autobahnen und bekommen dafür Baurechte und Land übereignet. Beim Volk kommt nichts oder nur wenig an – so ist das im Stamm, Clan, der Familie eben.

Das fördert das Elend einerseits und den Wohlstand der Altherrscher andererseits. Und die „bösen Konzerne“ wissen das genau. Sie wissen die Hebel anzusetzen und die Kulturen zu lesen. Deswegen sind sie so erfolgreich und deswegen verschwinden diese Strukturen auch nicht.

Jedoch sind es ja nicht nur die Konzerne, die dafür verantwortlich sind. Jeder Euro, jeder Dollar, der in Länder mit diesen Strukturen fließt, sorgt für genau dasselbe. Wir verteufeln Konzerne, machen aber im Grunde nichts anderes, wenn wir spenden. Es heißt nur anders. Es fühlt sich anders an.

Wir sind so verbohrt, stur, verblendet und arrogant, dass wir das nicht sehen, nicht sehen wollen. Wir tun doch „Gutes“. Aber genau das ist das Problem, oder? Denn das „Gute“ wird ausgenutzt, weil die Strukturen gleich bleiben.

Die Wandlung muss von innen kommen. Wie beim einzelnen Menschen auch, muss es „Klick“ machen. Wir haben das gelernt und sind immer noch dabei. Wir haben Jahrhunderte von Krieg, Not und Elend erlebt, unsägliche Massaker und Leid, das niemals wieder irgendwem geschehen soll. Wir wissen, wohin totalitäre Strukturen führen. Wir wissen um die Probleme der Monarchie, des Feudalismus. Da gab es Revolutionen, Aufklärung, Befreiungskriege, Umstürze. Herrscher wurden geköpft, Andersdenkende verfolgt, ganze Landstriche assimiliert und kulturell annektiert. Wir wissen, wie gefährlich Religion sein kann, wenn sie missbraucht wird. Wir wissen, wie fatal es sein kann, wenn religiöse Führer Kriege anzetteln und Leute mit Angst und falschen Dogmen einschüchtern und beherrschen.

WIR wissen das. Also müssen alle anderen das doch auch wissen! Gefälligst! Doch wir begreifen nicht, dass es einen Unterschied gibt zwischen „wissen“ und „bewusst sein“. Raucher „wissen“, dass Rauchen schädlich ist. Aber es ist den wenigsten „bewusst“, sonst würden sie aufhören. Der berühmte „Klick“ eben.

Und der kann eben nicht von außen kommen. Man kann niemanden zur Einsicht zwingen. Oder nur sehr schwer. Genauso gibt es einen Unterschied zwischen „überreden“ und „überzeugen“. Bei letzterem erfolgt eine Einsicht, ein „Klick“. Das erfordert Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen. Man muss sich in das Gegenüber hineinversetzen. Das kann helfen, eine Entwicklung anzustoßen.

Nur mit Geld oder kostenloser Hilfe funktioniert das nicht. Das einzige was dann passiert ist, dass alles weiter geht wie bisher – nur eben mit mehr Geld und extremer.

Wie ein Raucher, der sich aus Kostengründen aufhören möchte, aber immer wieder genug Geld zugesteckt bekommt. Oder jemand mit Mangelernährung, der ja Pillen schlucken kann um das auszugleichen. Oder Kinder, die trotz mieser Leistungen versetzt werden. Oder Straftäter, die nicht oder milde bestraft werden.

Warum sollten die ihr Verhalten ändern? Sie kennen es nicht anders und es funktioniert doch auch so. Warum sollte man sich aufraffen um etwas zu ändern, wenn man doch klarkommt? Der Mensch entwickelt sich nicht wenn er zufrieden ist. Zufriedenheit führt zu Dekadenz, zu Stillstand. Das wussten schon die Römer. Man darf als absoluter Herrscher das Elend nicht zu groß werden lassen und muss entsprechend auftreten, dann kann man machen was man will und kann sich bereichern an den „Hilfen“, die eigentlich dafür gedacht sind, diese Herrschaftsstruktur aufzubrechen.

Menschen ändern sich (oder etwas) erst, wenn es nicht anders geht, wenn es nicht mehr geht. Durch unsere grenzenlose Arroganz, unserem Drang, anderen unsere Art zu leben aufnötigen zu wollen, weil wir alles besser wissen, schaffen wir nur noch mehr Leid – und geben nicht mehr Geld. Wir heizen den Kessel an und wundern uns, warum der Druck steigt, warum immer wieder Kriege geführt werden, warum es nicht vorwärts geht, warum irgendwelche Irren irgendwelche Gottesstaaten ausrufen oder warum sich ein demokratisch gewählter Präsident nicht so verhält wie wir es erwarten.

Wir sind arrogant bis zum Anschlag. Aber wir haben ja Sündenböcke: die Konzerne … die lediglich das machen, was wir auch tun – nur eben bewusst und nicht blind vor „Hilfe“.

Wir pumpen Geld in für uns veraltete Strukturen und versuchen dabei zu helfen, essenzielle Entwicklungsschritte einfach zu überspringen. Dann fallen wir aus allen Wolken, wenn das nicht funktioniert. Man muss doch anderen nur sagen, dass sie falsch leben und sie auf uns hören sollen.

Wie jemand, der die richtigen Lösungen für einen Test kauft. Klar besteht man den, aber see Lerneffekt ist nicht vorhanden, das Wissen nicht gefestigt. Die „Belohnung“ kommt vor der (oder ohne die) Arbeit, die dazu gehört. Also macht man weiter wie bisher, nur eben mit mehr Geld.

Gilt übrigens auch im Kleinen. Warum sich oder sein Verhalten ändern, wenn man doch auch so „sein“ Geld, seine Wohnung und alles andere bekommt? Warum die Strategie ändern, wenn man immer wieder gewählt wird? Das ist nur menschlich. Könnte man wissen, wenn man nicht gedanklich im Märchenland verweilen würde, wo alle nur das Beste für andere wollen und nur darauf warten, dass jemand einem sagt, wie man leben muss.

Und so wird sich nichts ändern. Warum auch nicht – es funktioniert doch. Ob man jetzt „Warlord“ oder „Präsident“, „Häuptling“ „Vorsitzende“ oder „Königin“ genannt wird, ist auch nur für den Diplomatenpass wichtig. Alles dank unserer grenzenlosen Arroganz… und Unmengen an Kohle, die wir bereitwillig nutzen, damit alles so bleibt wie es ist.

Kritisch wird’s besonders, wenn ein solches „Entwicklungsland“ groß genug und volkswirtschaftlich so stark ist, dass es keine externe Hilfe (mehr) braucht. China zum Beispiel. Die leben wie gewohnt und es kommt unglaublich viel Geld rein. Trotz (oder wegen?) In unseren Augen veralteter Strukturen. Und trotzdem erdreisten wir uns, ihnen das Leben vorschreiben zu wollen. Blöd, wenn die dann nicht hören. Dann sind’s auf einmal „die Bösen“… weil sie nicht nach UNSEREN Regeln spielen.


Fazit: ich befürworte diese Tatsachen nicht und will auch nicht, dass wir aufhören zu spenden und zu helfen. Nur eben bitte „richtig“. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass „gut gemeint“ nicht unbedingt „gut gemacht“ bedeutet und vermeintlich „Gute“ und „Böse“ nicht immer „gut“ und „böse“ sind. Ich möchte, dass wir uns Gedanken machen, wie man wirksam helfen kann, ohne Strukturen zu festigen, die die zivilisatorische Entwicklung behindern. Und ich möchte, dass wir aufhören, anderen unsere Denkweise aufzwingen zu wollen. Man stelle sich vor, jemand würde uns „helfen“, sagen dass das was wir tun „falsch“ ist und wir die „Hilfe“ nutzen sollen, um uns selbst den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. Doch uns braucht ja niemand zu helfen. Wir sind ganz oben und wissen, wie die Welt funktioniert, nicht wahr?

Wer mal einen Bericht aus erster Hand lesen möchte, bezogen auf das Leben in Gambia, dortige Frauen und wie wir (falsch) helfen, klickt hier.