Einseitiger Toleranzirrsinn

Ein Kind schlägt einem anderen im Kindergarten die Schippe auf den Kopf.

Wer ist Schuld?

Ein einfacher Sachverhalt – so mutet es an. Doch heute ist das nicht mehr so leicht.

Man muss genau erörtern, wer wirklich der Schuldige ist. Einfach den, der draufgehauen hat, als Schuldigen in Bezug aufs Draufhauen zu benennen, ist fahrlässig.

Wer war denn unmittelbar beteiligt? Der Schläger und der Geschlagene.

Man könnte es sich jetzt einfach machen und sagen, dass der, der Gewalt anwendet ohne in Notwehr zu handeln, sich der Körperverletzung schuldig gemacht hat. Aber vielleicht hat ihn der Geschlagene ja auch provoziert? Beleidigt? Ihn nicht respektiert? Schief angesehen? Einfach so schlägt doch niemand zu, da muss es einen Grund geben. Irgendeine Sache, die den Schläger etwas entlastet.

Wo war denn die Erzieherin? Hat sie ihre Aufsichtspflicht verletzt? Wurde der Schläger vielleicht ausgegrenzt oder gehänselt? Hat die Erzieherin nicht aufgepasst? Vielleicht mit provoziert? Ist sie dann überhaupt geeignet für diesen Job?

Oder kommt der Schläger vielleicht aus einem zerrütteten Elternhaus, aus einer anderen Kultur oder einem Problemviertel? Ist er arm oder mit ständiger Gewalt konfrontiert? Hat er es schwer im Leben?

Wie sähe das eigentlich aus, wenn ein Mädchen geschlagen hätte oder geschlagen worden wäre? Oder wenn einer von beiden einen Migrationshintergrund hat? Oder homosexuelle Eltern? Würden wir dann sachlich und neutral urteilen? Oder noch vehementer nach Ausreden suchen bzw. die Schuld beim nicht-Minderheitenkind suchen, da es ja bestimmt intolerant erzogen wurde…?


Wir suchen geradezu besessen nach Gründen, warum ein Täter weniger Schuld sein muss und geben teils sogar den Opfern eine Mitschuld. Verstärkt wird diese Denkweise, wenn es Unterschiede bei Geschlecht, Alter, Herkunft, Aussehen etc. gibt. Generell die Tat zu verurteilen und sie unabhängig vom Menschen zu betrachten, ist heute ein NoGo. Wo bleibt denn da die Menschlichkeit! Man toleriert und versteht sich zu Tode, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Und je nach Tathergang und Emotionen ist dann eben mal das Opfer Schuld, das den Täter eben gereizt hat oder sonstwie Ursache dafür trägt, dass es geschlagen wurde.

Warum geht man als Frau auch nachts alleine durch die Inennstadt? Warum zieht man sich denn „sexy“ an? Warum gibt man nicht einfach das Sandförmchen oder die Geldbörse oder das Handy her, wenn jemand danach verlangt? Warum guckt man andere „komisch“ an? Warum ist man überhaupt *da*?

Muss man nicht jetzt erklären? Den Täter umsorgen? Resozialisieren? Ihm helfen? Unterstützen? Ein Opfer ist Opfer. Da muss man nix machen. Aber der Täter! Da muss sich drum gekümmert werden! Der Mensch ist schließlich durch und durch „gut“, also muss es eine Ausrede geben, warum er nicht (allein) Schuld sein kann. Man kann ihm doch nicht die Zukunft verbauen, nur weil er einmal einen Fehler gemacht hat. Einmal ein Kind misshandelt, einmal eine Frau vergewaltigt, einmal jemanden vor die Bahn geschubst, einmal jemanden ins Koma geprügelt. Da muss doch was im Argen liegen, der Täter kann da bestimmt nichts für. Er ist selbst Opfer der Umstände, der Umwelt, der Gesellschaft.

Wir schützen die Täter und spucken den Opfern mit jeder Ausrede ins Gesicht.

In Deutschland hat der Staat das Gewaltmonopol. Mit Ausnahme der Notwehr hat kein sonstiger Bürger das Recht, irgendeine Form der Gewalt auszuüben. Wer das ignoriert, der ist Schuld. Alles andere dient der Relativierung, Politisierung und dem Beschäftigen von Anwälten. Der Lerneffekt dieser Haltung ist, dass man vieles machen kann – man muss nur genug Gründe anführen, warum man so handeln *musste* und einen Schuldigen benennen, jemanden, der *wirklich* verantwortlich ist.

So behandelt man oft genug Täter.


Das geht auch umgekehrt, zum Beispiel im Straßenverkehr. Radfahrer quetschen sich – trotz Radweg – auf die Fahrspur, rechts neben einen LKW, der rechts abbiegen will. Der LKW fährt an und entsorgt den Radfahrer. Wer ist Schuld?

Der Radfahrer, der sich nicht an die Regeln hält, nicht auf dem Radweg fährt und sich bewusst neben den todbringenden LKW in den toten Winkel gequetscht hat?

Nunja… könnte man meinen. Die Forderungen nach Abbiegeassistenten, mehr Fahrradspuren und Strafquoten, die so gut wie immer die Alleinschuld dem LKW oder PKW anlasten, sagen was anderes. Die Lösung ist also nicht, Bewusstsein für ein falsches Verhalten zu schaffen, sondern möglichst teure, komplizierte und höchstens symptomatisch wirksame Pflaster auf das Problem zu kleben.

Statt dass man Verantwortung verlangt und auch darauf pocht, dass mit Rechten auch Pflichten einhergehen, spricht man dem vermeintlich Schwächeren jedwede Verantwortung ab und macht alle anderen zum Schuldigen.

Hätten alle LKW einen Abbiegeassistenten, gäbe es keine Abbiegeunfälle mehr mit Radfahrern. Immense Kosten und eine zweifelhafte Unfehlbarkeit sind die Folge. Dazu dauert es, bis sowas überall – auch weltweit, denn wir sind ein Transitland – eingeführt ist. In der Zwischenzeit sterben Menschen. Unsinnig. Weil sie ihren Kopf durchsetzen wollen, andere haben ja aufzupassen!

Würde sich kein Radfahrer mehr rechts neben LKW quetschen, auf ihren Radwegen bleiben, nicht willkürlich die Fahrspuren wechseln, rote Ampeln beachten gäbe es ebenfalls keine Unfälle dieser Art mehr. Ganz ohne irgendwelche Kosten oder Jahre der Umstellung. Man müsste nur mal seine Arroganz zuhause lassen. Aber es gibt ja immer einen Grund, warum das nicht geht.

Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe.


Wir haben auch ein supertolles Rollenbild in unseren Köpfen. Sexistisch und Chauvinistisch *) bis zum Abwinken.

*) Chauvinismus ist der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe und hat nichts mit „männlich“ zu tun. Wird gerne mit dem „Macho“ verwechselt.

Filmszene. Eine Frau sitzt an der Bar. Sie hat vor sich einen Cocktail stehen, an dem sie ab und an nippt. Ein Mann gesellt sich zu ihr. Beide scheinen sich zu kennen und beginnen eine Unterhaltung. Diese wird schnell lauter, heftiger und schließlich steht der Mann auf, schüttet der Frau den Cocktail auf die Bluse und schlägt ihr ins Gesicht.

Was macht diese Szene mit euch? Empörung? Wut? Hass? Rachegelüste? Schauen wir uns die Szene nochmal an:

Eine Frau sitzt an der Bar. Sie hat vor sich einen Cocktail stehen, an dem sie ab und an nippt. Ein Mann gesellt sich zu ihr. Beide scheinen sich zu kennen und beginnen eine Unterhaltung. Diese wird schnell lauter, heftiger und schließlich steht die Frau auf, schüttet dem Mann den Cocktail auf das Hemd und schlägt ihm ins Gesicht.

Ist das besser? Angenehmer? Gerechter? Verträglicher?

Wer bei beiden Szenen dieselben Empfindungen hatte, gehört zu einer Minderheit. Hier stimmt das Gerechtigkeitsempfinden. Jeder, der beim ersten Beispiel dem Mann an den Hals gehen wollte, gedacht hat, dass man keine Frauen schlägt und dieses Arschloch kastriert gehört, ist ein Sexist. Genauso wer beim zweiten Beispiel dachte, dass der Kerl wohl selbst Schuld ist. Wahrscheinlich hat er sie betrogen. Verdient hat er’s!


Anstatt alle (!) Formen der Gewalt zu ächten, konzentrieren wir uns darauf, kranke Rollenbilder zu fördern und die Gesellschaft in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Alle Minderheiten sind „gut“. Alles was dagegenspricht sind Ausnahmen. Alle Frauen sind gut und „Opfer“. Alle Männer sind böse und „Täter“. Ausnahmen bestätigen diese Regel.

Es wird gegendert wie blöd. Aber nur die „guten“ Begriffe. Niemals „Täter*in“ o.ä.

Es wird für Vorstandposten und Führungspositionen gequotet, aber nie für Müllwerker, Gerüstbauer, Klempner, Straßenbauer.

Es werden Menschen bevorzugt behandelt, die dadurch nur lernen, dass sich alle nach ihnen und ihren Bedürfnissen und Forderungen richten. Sie lernen nicht, sich in einer Gesellschaft – also „sozial“ – zu verhalten. Die individuelle Freiheit ist das ultimative Ziel – wenn man denn dem richtigen Geschlecht und/oder der richtigen Gruppe angehört. Da sind dann auch die Freiheiten der „anderen“ egal.

Die eigene Freiheit hört aber dort auf, wo die eines anderen beginnt. Und es gilt immer noch, dass Rechte stets mit Pflichten einhergehen. Rosinenpicken bringt niemanden auf Dauer weiter, sondern fördert nur Hass und Ungleichheit.

Hm. Heißt es deswegen „GleichbeRECHTigung“ statt Gleichbehandlung? 🤔


Ein AfD‘ler hat neulich getwittert: „Alle Linken in die Gaskammer!“ und über eine Stiftungsvorsetzende geschrieben: „Ich freue mich, wenn ich auf ihrem Grab tanzen kann!“

Wie bewertet ihr diese Aussage? Krank? Nazischwein? Sowas darf man nicht wählen? Auch wenn’s nur ein Politiker war?

Gut, dann muss ich gestehen, dass ich mich verschrieben habe. Diese Aussagen stammen von einer Politikerin der Linken (KLICK).

Wir definieren Aussagen und Handlungen nicht (mehr) nach ihrem Wert, der Tat an sich. Wir bewerten sie anhand dessen, wer sie macht, gegen wen sie sich richten. Gewalt ist nicht per se schlecht – wenn sie denn die richtigen trifft…


  • Gleiche Rechte für alle
  • Gleiche Pflichten für alle
  • Eigenverantwortung fördern
  • Täter nicht zwanghaft entschuldigen
  • Gendern fördert Sexismus und Ungleichheit
  • Die Mehrheit definiert die Ziele, nach denen sich Minderheiten zu richten haben
  • Bevorzugung führt zu Diskriminierung
  • Gewalt ist nicht tolerierbar und nicht entschuldbar (excl. Notwehr)
  • Statt stets neue Rechte zu fordern bzw einzuführen, auf Einhaltung der geltenden Pflichten bestehen
  • Es gibt keine „gute“ Gewalt, keinen „guten“ Hass. Hass ist immer zu ächten

Es könnte so einfach sein. Aber mit „mehr Rechte für XYZ“ bekommt man eben mehr Fans und Wähler als wenn man an die Vernunft appellieren würde. Niemand hört gerne, dass er was falsch gemacht hat. Da vermeidet man lieber Konflikte und nimmt in Kauf, dass Ungerechtigkeiten zum Alltag werden. Und das immer mehr…

8 Kommentare zu „Einseitiger Toleranzirrsinn

  1. Ich gebe dir in sehr vielem Recht.
    Zu verdrängen, dass auch Frauen Täter sein können, ist falsch.
    Oberflächlich nach Vorurteilen zu urteilen, ist falsch.

    Ich sehe Schwierigkeiten in Punkten wie
    „das ist anders zu zeitaufwändig“
    „wenn ich mich intensiver befasse, geht es mir zu nah“
    und auch in Dingen, die in einem Buch, das ich eben gelesen habe, sehr gut beschrieben werden.
    „Die Masken der Niedertracht“ von Marie-France Hirigoyen.

    Täter sind oft sehr klug.
    Täter sind verdammt gut im Verschleiern und Verdrehen ihrer Taten; oft sehr subtil.
    Sie nennt die Täter im Buch *pervers*; ihre Taten basieren auf pervertierten Bedürfnissen und Gefühlen.
    Es geht um emotionalen Mißbrauch; Gewalt.
    Und ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst Kinder schon so sein können – wenn sie ein Umfeld haben, von welchem sie lernen.

    Gewalt ist nicht immer offensichtlich – ergo sind manche Verteidigungen nicht als solche erkennbar; werden vielmehr als Angriffe wahrgenommen.

    Oft denke ich, dass tatsächlich weder Richter, noch Menschen mit Umgang mit Kindern oder auch andere „Entscheider“ einen wirklich guten Blick und ausreichend Ausbildung haben; ausreichend reflektiert sind,
    um wirklich und vollumfassend Täter von Opfern unterscheiden zu können.
    Selbst bei mir im OEG-Thema kam von der Sachbearbeiterin der Spruch, ich hätte ja (in einem Tagebuch von damals) geschrieben, provoziert zu haben.
    Also sei ich in diesem Fall nicht Opfer, sondern Täter und man könne mir diese Zeit nicht anrechnen.

    Dass aber jahrelange Gewalt Opfer dazu bringt, IMMER die Schuld auf sich zu nehmen
    und es nicht ungewöhnlich ist, die Tätersätze derart zu glauben, dass man sie selbst sagt,
    fällt hinten runter.

    Ich denke, es ist in jedem Fall sehr wichtig, ALLES zu beleuchten – auch die Hintergründe der Täter.
    Zumindest so lange, bis man auch wirklich ganz sicher ist, dass das ein Täter ist – und kein verzweifeltes Opfer.
    Aber ja, es ist sehr schwierig oft, tatsächlich zu ERFASSEN, was in Wirklichkeit passiert ist und warum.
    Und es wird zu schnell geurteilt.
    Eben meist nach Kisten und Schubladen.
    Und wenn Du als Mann Opfer bist und dich gegenüber einer Frau verteidigst,
    ist es umso wichtiger, dass eben auch die (sogenannte) Täterseite genau betrachtet wird.
    Wie sonst sollte jemals irgendwer drauf kommen, dass Männer nicht immer nur Täter sind?
    Vielleicht dämmert so manches Mal auch irgendwem, dass man sich geirrt hat in der Schublade.
    Und es eben nicht immer der Mann ist, der Täter ist.

    Aber ich fürchte, es wird noch lange dauern, bis Menschen genug reflektiert sind, dass hier weniger Fehler passieren.

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    1. Ich mag deine Sichtweise. Man merkt, dass du dich mit dem Thema befasst hast… zwangsweise, dass du direkt betroffen bist.
      Ich wünsche mir eben, dass die Tat an sich im Vordergrund steht. Die Sache und nicht die Person. Wäre es nicht gerechter, wenn Urteile ohne jegliche Emotion gefällt werden würden?
      Gewalt darf niemand ausüben (Notwehr ausgenommen und klar definiert). Diese Grenze, diesen Abstand können wir nicht einhalten. Dafür ist der Mensch nicht objektiv – oder kalt – genug. Kann er nicht sein und soll er auch nicht. Dann wäre er kein Mensch mehr.
      Wir wollen nicht oberflächlich sein und denken doch immer wieder in Schubladen. Gerade die, die am lautesten dagegen vorgehen zögern nicht, Schubladen zu ihrem Vorteil zu nutzen.

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      1. Ich glaube, ich ahne, was Du meinst.
        Und sicher wäre es einfacher, könnte man Emotionen weg lassen.
        Aber das geht wohl nicht – weil sich schon alleine hierdurch das Urteil verzerren würde.

        Wenn ich als Opfer lange genug auf völlig perverse und subtile Art gequält werde über Jahre – und das keiner sieht und weiß – und ich dann in einem Akt allergrößter Verzweiflung meinen Täter körperlich angreife – und man das sieht –
        wer ist deiner Meinung nach DANN der Täter?
        Spielen wir das (auch) mit einem *männlichen Ich*?

        Emotionale Gewalt ist ohnehin kaum nachweisbar. Wie soll man also ohne Gefühle eine Straftat VOLLER Gefühle bewerten?

        Aber ja, Schubladen müssen fallen.
        Es kann nicht sein, dass Männer grundsätzlich Täter sind.
        Dafür gibt es einfach zu viele weibliche Täter.
        Und auch sie sollten ein richtiges Urteil bekommen (können/dürfen/müssen).

        Eigentlich ist es doch auch total logisch – ich verstehe die Schubladen solcher Art nicht.
        Man WEISS, dass Menschen, die Gewalt erlebt haben, sehr oft auch zu Tätern werden.
        Das wendet man ja auch ständig bei männlichen Tätern an, um sie zu entlasten.

        Warum wendet man es dann kaum bei Frauen an, um sie zu BElasten?
        Gibt es doch wesentlich mehr weibliche Gewaltopfer (wirklich?) und somit ganz sicher auch weibliche Täter.
        Aber hierüber denkt kaum jemand nach.
        Frauen scheinen ausschließlich Opfer zu BLEIBEN.

        Hast Du meinen Beitrag über weibliche Täter schon gefunden?
        https://neuesfueraltes.wordpress.com/2020/07/12/tater-frauen-sind/
        (Darfst den Link auch gerne wieder raus löschen)

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      2. Eben. Der Mensch an sich ist Täter oder Opfer. Da ist das Geschlecht egal. Die einen machen es offensichtlich(er), die anderen subtil(er). Beides muss gleich verfolgt werden, denn niemand hat das Recht, einem anderen Gewalt – in welcher Form auch immer – anzutun. Man kann Umstände oder Vergangenes als Erklärung nehmen, aber nicht als Ausrede.
        Deinen Beitrag kenne ich 🙂
        Das Thema an sich ist aber sehr komplex… wenn man will. Oder man bricht es runter auf die unmenschliche Art und ächtet jegliche Form von Gewalt. Auch die Notwehr.
        Vielleicht müssten Opfer (im Extremfall) nicht zu Tätern werden, würden die Täter konsequent bestraft, aus dem Verkehr gezogen. Wenn das Vertrauen da wäre, dass Gewaltverbrecher nie wieder jemand anderen etwas antun könnten, wäre das vielleicht möglich. Klappt nur nicht, wenn stets nach Ausreden gesucht wird und man immer noch glaubt, dass ein Vergewaltiger, Mörder, Kinderschänder (jeweils mit -in natürlich ebenfalls) durch irgendeine Therapie *geheilt* werden könnte.
        Das sind Experimente an Menschen. Vielleicht klappt’s ja. Wahrscheinlicher – siehe Rückfallquoten – ist jedoch, dass es eben nicht klappt. Was wiegt dann schwerer? Der Schutz der Gesellschaft oder die Chance, dass ein Gewaltverbrecher eventuell friedlich bleibt für den Rest seines Lebens?

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      3. Hm… ja, ich glaube auch, dass wenn man Vertrauen haben könnte ins Rechtssystem,
        ECHTES Vertrauen, dass man dann wohl schneller zur Polizei ginge; bzw. die Hilfestellen schneller und konsequenter reagieren könnten
        und sich Gewalt von vorneherein vielleicht garnicht mehr so sehr potenzieren würde, als dass Opfer zur *Selbst*hilfe greifen müßten.
        Da wären dann ja *andere*, die helfen würden.

        Bzgl. deiner These zur Unheilbarkeit von Tätern
        bin ich unsicher.
        Ich vermute vielmehr, dass es an der ART der Therapie liegt. Oft.

        Wenn ich ehrlich bin, war ich selbst auf einem guten Weg, Täter zu sein (bleiben?), da ich mich bereits als Kind vehement gegen die Gewalt MIT Gewalt gewehrt hatte.
        Und weil ich von klein an zu Hilfestellen rannte, aber nichts sagen konnte – weil mit die Worte fehlten.
        Und auch die soziale Kompetenz mir nie wirklich beigebracht wurde.
        Jedwelches *Miteinander* oder *Gemeinsam* kannte ich nicht. Ich mußte immer ein Alleinekämpfer sein; eine Art Rambo im Dschungel; unter ständiger Bedrohung.

        Oft bat ich um Hilfe – aber keiner kapierte, was ich gebraucht hätte oder gewollt.
        Ich wußte es ja selbst nicht. Wie soll man etwas benennen, von dessen Existenz man nicht weiß.

        DAS war das Problem.
        Ich kannte kein Miteinander; keine Liebe; keinen Zusammenhalt.
        Ich kannte unter Menschen nichts Gutes.
        Nur KRIEG und ÜBERLEBENSKAMPF.

        Oft denke ich, dass es manchem Tätermenschen (nein, gewiß nicht allen) durchaus helfen könnte,
        wenn sie gutes Miteinander LEBEN könnten.
        Nähe erleben und Verbundenheit.
        Klar – der Weg führt durch den Schmerz.
        Aber oft entsteht Täterschaft durch hm…. vielleicht ein schwarzes, dunkles, schmerzendes und namenloses Loch im Bauch. Ganz viel NICHTwissen; NICHTfühlen.
        Und es bräuchte Licht und Wärme dort.

        Nein, ich bin kein Täterfreund – aber ich kenne diesen Schmerz. Und wer nicht reflektiert ist, mag womöglich zum Tier werden. Also muß man reflektieren und fühlen (lernen).
        Nicht über den Kopf, sondern das Herz.
        Wer weiß – vielleicht gäbe es eine Abzweigung für manchen Täter.

        Einfach nur zu argumentieren, dass ein Täter früher Opfer war und somit Strafmilderung gilt, ist fahrlässig.
        WENN jemand Opfer war, dann sollte er/sie auch bereit sein, den Weg ins Herz zu gehen.
        Nicht über Anti-Agressionstherapie oder irgendwas, das vielleicht eine (emotionale) Sucht stoppen soll.
        Sondern den Weg durch das Trauma – den gesamten.
        Vielleicht gäbe es dann eine Chance. Ich weiß es nicht.
        Aber es wäre nicht nur eine Chance für den Täter, sondern für die Menschheit.

        Leider gibt es ja immer zu wenig Therapeuten – oder nur schlechte.

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      4. Wenn Täter als Strafe das durchleiden müssten, was ihre Opfer erlebt haben, wäre das eine gute Idee zumindest interessante „Lösung“. So eine Art modifizierte Erinnerung, implantiert wie bei Total Recall zB….
        Therapien setzen entweder auf Einsicht oder auf Kontrolle als Ziel. Dennoch bleibt das Täterpotenzial erhalten. Vielleicht unter Verschluss, aber es ist da. Wie bei einem Alkoholiker, der auch nicht geheilt werden kann.
        Bleibt die Frage: setzt man die Gesellschaft diesem Risiko aus oder geht man auf Nummer sicher. Ich bin der Ansicht, dass viel zu viel experimentiert, zu viel Verständnis gezeigt wird.

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      5. Najaaaa… ich sag ganz sicher nicht, dass das *Heute* gut ist.
        Und ich fürchte, dass es bei manchem Täter nichts zu implantieren bräuchte – sie tun oft das, was man ihnen tat. Irgendwo haben sie das alles ja gelernt. Es muß aus der Abspaltung und Verdrängung raus; sie brauchen es „nur“ zu fühlen.

        Meine Thera sagte mal, wenn SIE den Schulplan erstellen dürfte,
        stünde ganz weit oben sowas wie Seelenhygiene (sie nannte es völlig anders).
        Gefühle lernen; wie sie heißen; was sie bedeuten; sie zu steuern und kontrollieren.
        Auch Wortgewandtheit; sich auszudrücken lernen; soziale Kompetenz. Fairness, Mitgefühl, Empathie.
        Solche Dinge fehlen völlig im Schulsystem.

        Hier… wenn Du denkst, wie Sexualerziehung heute aussieht….
        warum unterrichten die nicht mehr über Respekt? Liebe? Achtsamkeit? Zärtlichkeit? Grenzen?
        Dass es in Ordnung ist, Nein zu sagen – und dass ein Nein etwas GILT.

        Würden sie heute bei den Kindern anfangen
        und würde das Rechtssystem Opfer Ernst nehmen
        echten Kinderschutz betreiben
        dass wenn Kinder im Unterricht lernen, dass der Mißbrauch an ihnen ein Verbrechen ist, sie auch Hilfe bekämen
        dann hätten wir morgen keine derartigen Täter mehr.
        Man sollte die Wurzel stärken – dann haben wir oben keine pervertierten Äste mehr.

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      6. P.S.: Alkoholismus ist eine Sucht.
        Gewalt eher nicht.

        Du sagst, das Täterpotenzial bleibt unter Verschluß; hinterschwellig dennoch da – selbt wenn es vielleicht so aussieht, als hätte die Therapie geholfen.
        Und klar – wenn die nicht tief genug eindringen , sondern stattdessen nur eine Art Verhaltenskodex drüber bügeln, ist das so.

        Wenn man aber dahin kommt, wo man es FÜHLT
        wo es weh tut
        dann kann sich etwas ändern.
        Glaube ich zumindest.
        Zumindest bei Manchem.
        Und ja, bei jenen, die nicht können oder wollen, halte ich harte Strafen für angemessen.

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