TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 15 – Timo

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Es ist Sonntag. Eigentlich geht man da ja in die Kirche, so wie es sich eben gehört. Aber ich kann da nicht hin. Ich kann auch nicht nach Hause. Papas Auto steht noch im Hof. Ich trau mich nicht. Ob es Mama gut geht? Es war kein Krankenwagen und keine Polizei da, die ganze Nacht über nicht. Papa ist auch nicht rausgekommen.

Was wohl mit Sabrina ist? Sie scheint ja nichts mitbekommen zu haben oder vielleicht hat sie sich auch einfach nicht getraut und so getan, als ob sie schläft. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich nicht hier im Holzkeller bleiben kann. Mein Entschluss steht fest: Ich muss zu den Nachbarn. Die mit den netten Enkeln. Die kennen mich ja.

Die Sonne geht gleich auf und es wird ganz langsam hell. Ich schleiche mich so gut es geht nach draußen, dann durch die Büsche, hinter der Garage entlang und über die Straße zum Nachbarhaus.

Das Schlafzimmerfenster von Mama kann ich von der Straße aus sehen. Es ist immer noch zu, die Rollläden unten. Daneben ist das Wohnzimmer und auch die Küche, aber ich sehe da kein Licht. Niemand hat die Rollläden runtergelassen. Wenn Papa wieder auf der Couch schläft, wird er jetzt bald aufwachen.

Egal. Der gelb lackierte Metallzaun vom Nachbarhaus sorgt dafür, dass ich einmal um das Grundstück herumlaufen muss, um zur Haustür zu gelangen. Gut, dass es noch so früh ist. Ich bin immer noch nackt und laufe mit blanken Füßen auf dem piksenden, geteerten Bürgersteig. Auch wenn es nur einige Meter sind, tut es weh und ich hoffe, dass mich niemand sieht.

Ungesehen komme ich schließlich an der Haustür an und drücke ohne weiteres Nachdenken auf die Klingel. Es passiert zunächst nichts, aber als ich nochmal auf den Klingelknopf drücke, öffnet mir eine ältere Frau im Nachthemd die mit einer Kette von innen gesicherte Tür.

„Timo? Was ist denn mit dir passiert? Komm rein!“, sagt die Oma von Ulrike ganz aufgeregt und ich bin froh, nicht mehr draußen stehen zu müssen. In Sicherheit. Endlich. Hier kann mir nichts passieren.

Die Oma heißt Regina. Sie nimmt mich an die Hand und bringt mich durch den kleinen Flur in die Küche. Ich setze mich auf die gepolsterte Eckbank und Regina verschwindet kurz nach draußen. Hier ist es schön warm und meine Füße tun nicht mehr so weh.

Einige Augenblicke später ist Regina wieder zurück und hält einen rosa Bademantel in der Hand.

„Hier, zieh den mal an. Der müsste dir passen. Ulrike und du, ihr seid ja im gleichen Alter. Ich hoffe, die Farbe stört dich nicht…? Ich mach‘ dir erstmal einen Kakao und dann erzählst du mir, was los ist, ok?“

Ich nicke kurz, nehme mir den Bademantel und ziehe ihn an. Er ist nicht ganz so gemütlich wie der, den Mama gekauft hat, aber so muss ich nicht mehr nackt sein. Das hilft mir sehr. Regina ist nett. Kakao mag ich. Den aus der gelben Dose ganz besonders.

Manche Kinder trinken den Kakao mit Wasser. Das verstehe ich nicht. Warum? Mit Milch schmeckt das doch hundertmal besser! Man muss nur aufpassen, dass man immer mal wieder umrührt, sonst bekommt der eine Haut. Die ist eklig.

Regina stellt mir den heißen Kakao auf den Tisch und setzt sich mir gegenüber auf einen Stuhl. Sie trägt eine kleine, halbrunde Brille. Wie die Oma aus Rotkäppchen im Märchen. Da passt auch ihr Nachthemd zu, es fehlt nur die Schlafhaube.

Sie lächelt mich an, während ich ganz vorsichtig am Kakao schlürfe, um mich nicht zu verbrennen.

„Na dann erzähl mal, was los ist, Timo.“

Das ist der Moment, vor dem ich Angst hatte. Was soll ich denn erzählen? Das was wirklich passiert ist? Dann wird alles nur noch schlimmer. Bestimmt komme ich in ein Heim und Papa muss ins Gefängnis. Und Sabrina muss dann auch weg, obwohl sie gar nichts gemacht hat. Ich werde dann Mama auch nicht wiedersehen. Das darf nicht passieren. Also habe ich mir eine Geschichte ausgedacht, die nicht so kompliziert ist. Ohne Mama und Sabrina.

Ich erzähle Regina, dass Papa früher nach Hause gekommen ist, obwohl er ja eigentlich erst kommende Woche wieder da sein wollte. Ich habe mit Mama im Wohnzimmer ferngesehen. Wir hatten beide unsere Bademäntel an, weil Samstag ja Badetag ist, als Papa in die Küche kam und da meine letzte Mathearbeit auf dem Tisch gesehen hat. Ich kann Mathe nicht so gut, was Papa nicht versteht und mir immer wieder sagt, dass ich mich mehr anstrengen soll. Manchmal wird er auch laut dabei.

So wie jetzt eben auch. Ich hatte eine 5 geschrieben und als Bemerkung stand unten drunter, dass ein Elterngespräch vielleicht helfen könnte, weil ich sehr oft abgelenkt sei.

Da kam Papa ganz böse ins Wohnzimmer und hat mich angeschrien. Mama hat versucht, mich zu beschützen, aber Papa hat sie gar nicht ernst genommen und immer weiter gebrüllt, wie dumm ich doch bin und dass ich nichts auf die Reihe kriege. Ich habe dann angefangen zu weinen, aber das hat es nur schlimmer gemacht. Ich wollte nur weg, aber Papa hat versucht, mich festzuhalten. Er hat nur meinen Bademantel erwischt und ich konnte mich da raus winden. Dann bin ich einfach weggelaufen und habe gewartet, bis es hell wird, um hier zu klingeln. Den Sex mit Mama lasse ich besser weg. Ich soll’s ja keinem sagen. Auch was Papa mit Mama gemacht hat, erzähle ich nicht.

Regina schaut mich mit großen Augen an, schüttelt dann aber den Kopf und setzt sich zu mir auf die Eckbank.

„Armer Kerl. Was ist denn da los bei euch?“, sagt sie ganz ruhig und tröstend, während sie mir über den Kopf streichelt. Regina ist älter als Mama. Mama könnte ihre Tochter sein, aber sie ist nett, genauso wie ich gehofft hatte. Sie hat mir geglaubt. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

In dem Moment geht die Küchentür auf und Reginas Mann Georg steht in der Tür, ebenfalls noch im Schlafanzug.

„Was ist denn hier los? Hat der Kleine geklingelt?“, fragt er seine Frau.

Georg sieht aus wie ein Bilderbuch-Opa. Ein faltiges Gesicht, aber nicht ungepflegt, mit einem buschigen, grauen Schnauzbart, der unter der Nase gelblich wird. Das kommt vom Rauchen, hat mir Mama mal erklärt. Georg sitzt im Sommer oft im Garten und raucht Zigarren und beobachtet die Straße von seinem Schaukelstuhl aus.

„Ja, Timo hat Ärger zuhause wegen der Schule. Kannst du dir das vorstellen? Das bringt doch nichts, wenn man seine Kinder anbrüllt.“, antwortet ihm Regina und erzählt ihm dann eine Kurzfassung meiner Lügengeschichte.

Ich trinke noch einen Schluck von meinem Kakao und Regina macht Georg einen Vorschlag: „Meinst du, oben ist Platz für den Kleinen Kerl?“

Georg antwortet: „Klar. Die Kinder sind zwar noch da, aber er kann bei Ulrike im Zimmer unterkommen. Ich gehe dann nachher mal rüber und schaue, ob ich mit seinen Eltern reden kann. Bis dahin kann er sich hier ausruhen.“

Er dreht sich zu mir und fragt: „Oder hast du was dagegen?“

Sofort schießt mir durch den Kopf, dass meine Geschichte dann sofort als Lüge auffliegt. Er darf nicht rübergehen!

„Ja. Nein. Also, ich möchte gerne hierbleiben. Vielleicht nur ein paar Tage, bis Papa weg ist? Wäre das in Ordnung?“, frage ich.

„Ich kann deine Mutter ja kurz anrufen, damit sie sich keine Sorgen macht.“, wirft Regina ein.

„Aber bitte nicht sagen, dass ich gepetzt habe!“, antworte ich ängstlich. Mama soll sich keine Sorgen um mich machen, aber auch nicht darum, dass ich was von dem erzählt haben könnte, was wirklich passiert ist. Und Georg und Regina dürfen nicht merken, dass ich sie angelogen habe. Wie kompliziert das Lügen doch ist.

 „Einverstanden.“, sagt Regina und lächelt mich freundlich an.

Sie bringt mich nach oben und klopft vorsichtig an der Tür zu Ulrikes Zimmer. Sie wartet nicht auf eine Antwort und macht die Tür dann sachte auf. Ulrike schläft noch, aber das ändert sich jetzt.

„Kleines, schau mal wer da ist.“, flüstert sie ihrer Enkelin ins Ohr. Ulrike macht langsam die Augen auf, schaut ihre Oma an und bemerkt dann mich. Schlagartig ist sie wach und setzt sich auf.

„Mach doch mal Licht, Timo.“, weist mich Regina an und ich gehe zum Fenster, um das Rollo hochzuziehen. Durch das Fenster kann ich mein Zuhause sehen. Ganz nah, nur auf der anderen Straßenseite, aber doch so weit weg. Ich mache mir Gedanken, wie es jetzt wohl weitergeht, aber Ulrike lenkt mich schnell ab, indem sie mich von hinten anspringt und gegen den Arm boxt.

„Was machst du denn hier? Hast du meinen Bademantel an? Wollen wir frühstücken? Spielen?“, sprudelt es aus ihr heraus. Man glaubt kaum, dass sie vor zwei Minuten noch tief und fest geschlafen hat.

„Timo bleibt ein paar Tage bei uns. Also, bei dir, wenn das in Ordnung ist. Er hat Ärger wegen der Schule.“, erklärt Regina kurz die Situation.

„Super! Ich freu mich! Das wird lustig!“

„Na das passt doch wunderbar! Willst du auch einen Kakao, Kleines? Timo hatte schon einen und wir haben noch Zeit bevor wir zur Kirche müssen.“, unterbricht Regina die Euphorie ihrer Enkelin.

Hier sind alle so gut gelaunt und freundlich. Das mag ich. Und mit Ulrike komme ich bestimmt gut klar. Sie wohnt zwar ein paar Orte weiter, aber immer wenn sie da ist, besuchen wir uns und spielen zusammen. Sie ist eine Freundin für mich. Die Einzige. In der Schule und im Dorf hab ich ja keine.

Regina und Ulrike gehen wieder runter. Ich soll hier oben bleiben und mich erstmal ausschlafen. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! Noch immer nur im Bademantel lege ich mich aufs Bett, kuschle mich in die noch warme Decke ein und bin Sekunden später eingeschlafen.

Als ich wieder aufwache ist es richtig hell geworden. Die Uhr an der Wand zeigt 16 Uhr. Ich habe die Kirche verschlafen und das Mittagessen! Oh Mann. Ob Mama schon Bescheid weiß? Ich stehe auf und gehe aus dem Zimmer raus, am Badezimmer vorbei zur Treppe und dann nach unten in die Küche. Da sitzt Regina am Tisch und liest in einer Zeitung. Fast wie Mama, nur älter.

„Hallo?“, sage ich leise und Regina schaut mich an.

„Na, gut geschlafen? Mach dir keine Sorgen. Ich habe mit deiner Mutter gesprochen und sie sagt, dass du gerne ein paar Tage hierbleiben kannst.“

Ich bin erleichtert. Mama geht es gut und sie weiß, dass es mir gut geht und wo ich bin. Das ist das Wichtigste.

„Danke, dass Sie mich hier schlafen lassen.“, sage ich zögernd und Regina grinst mich an.

„Klar. Das gehört sich doch so. Man muss sich doch helfen. Aber sag mal, wie geht es dir? Alles soweit in Ordnung? Du hast ja ganz schön lange geschlafen.“

„Mir geht’s gut, danke. Ich hab nur Hunger, glaube ich.“, antworte ich ehrlich.

„Hach, du hast ja das Mittagessen verschlafen. Stimmt. Aber ich kann dir noch ein oder zwei Brote machen, wenn du magst. Mit Käse oder mit Schinken?“

Regina lässt mir keine andere Wahl und ich entscheide mich für ein Käsebrot, schön dick mit guter Butter. Dass Brot so gut schmecken kann!

„Nachher gibt’s noch Abendbrot. Aber vorher machen wir dich mal sauber und ziehen dir was an. Ich müsste noch was im Schrank haben von Peter und Markus. Das müsste dir passen, auch wenn die Sachen schon etwas älter sind.“, sagt Regina und ist schon auf dem Weg, die Sachen zu holen.

Peter und Markus sind ihre anderen Enkel und die Cousins von Ulrike. Die beiden gehen schon auf die Realschule und sind nur noch selten hier zu Besuch. Gut so. Mit Jungs komme ich nicht so gut klar. Besonders nicht mit Älteren.

Regina kommt wieder in die Küche gewirbelt und drückt mir einen Stapel Kleidung in die Hand.

„Hier, bitte. Du kannst ja nicht ewig in dem Bademantel herumlaufen. Such dir was aus und dann ab zum Duschen.“

Ich schaue mir die Sachen an und bin froh und dankbar, dass sich Regina und Georg so gut um mich kümmern. Ich habe eine blaue kurze Hose, ein weißes T-Shirt, eine weiße Unterhose und kleine Socken mit Streifenmuster unterm Arm und gehe die Treppe nach oben zum Badezimmer.

„Geh nur hoch. Ulrike ist noch in der Dusche, aber sie müsste gleich fertig sein. Dann kannst du rein, oder brauchst du Hilfe?“, fragt mich Regina am Treppenabsatz. Ich sage, dass ich keine Hilfe brauche und alleine duschen kann. Zufrieden nickt sie mir zu und geht wieder zurück in die Küche.

Oben angekommen sehe ich, dass die Tür zum Badezimmer nur angelehnt ist. Ich höre, wie die Dusche läuft und schaue durch den Türspalt. Ja, ich bin neugierig.

Das Badezimmer ist ähnlich eingerichtet wie bei uns die Dusche im Erdgeschoss. Die gleichen Farben, der gleiche Spiegelschrank, die gleichen Vorlegeteppiche.

Die Dusche liegt genau gegenüber der Tür. Ich kann aber nichts Genaues sehen, da die Schiebetüren so komisch gemustert sind. Aber ich sehe etwas anderes.

Georg steht neben dem Waschbecken, mit dem Rücken zu mir, und schaut Ulrike beim Duschen zu. Braucht sie Hilfe beim Duschen? Nein. Das kann nicht sein.

Denn erst jetzt bemerke ich, dass Georg seine Hose etwas heruntergezogen hat und an sich herumspielt. Er schaut seiner Enkelin beim Duschen zu, auch wenn man kaum etwas hinter den Türen erkennen kann, und spielt mit seinem Penis!

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Soll ich reingehen? Schreien? Weglaufen? Weiß Ulrike davon? Oder Regina? Will Georg auch bei mir zusehen? Oder mehr?

Ich will das nicht. Nur Mama darf mich nackt sehen! Ganz leise und langsam gehe ich einen Schritt zurück und dann wieder nebenan in Ulrikes Zimmer. Ich ziehe die Sachen an, die mir Regina gegeben hat, dazu noch ein paar Turnschuhe von Ulrike und atme dann tief durch.

Was ist bloß los hier? Das war eine bescheuerte Idee, hier rüber zu kommen!

Ich muss hier raus. Keine Ahnung, was dann passiert, aber hier werde ich es keinen Tag aushalten. Raus aus dem Zimmer, am Badezimmer mit Georgs Penis und der duschenden Ulrike vorbei, Treppe runter und zur Haustür. Ich schiebe die Messingkette zur Seite, drücke die Klinke herunter und verlasse das Haus. Als die Haustür ins Schloss fällt, fange ich an zu laufen.

Ich renne zur Straße, dann immer in Richtung Wald, der oben auf dem Hügel liegt. So schnell bin ich noch nie gelaufen, auch nicht im Turnunterricht. Völlig außer Atem komme ich irgendwann dort an und verstecke mich zwischen den Bäumen, bis es dunkel wird.

Ich brauche eine neue Bleibe. Und Mama… hoffentlich versteht sie warum ich weggelaufen bin.