TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 16 – Timo

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Wohin?

Nach Hause kann ich jetzt nicht. Mama würde sich nur fragen, warum ich nicht bei den Nachbarn geblieben bin und Regina und Georg suchen mich bestimmt auch.

Wer weiß, was sie Mama erzählen? Aber wohin jetzt? Immerhin habe ich jetzt was an und muss nicht nackt durchs Dorf laufen. Am Sonntag ist auch keiner mehr unterwegs. Die Kirche ist lange aus und die anderen Kinder sind zuhause. Man kann ja hier sowieso nichts machen, außer Fußballspielen, aber das gehört sich am Sonntag nicht. Nicht bei uns.

So kann ich wenigstens halbwegs sicher draußen herumlaufen.

In den Holzkeller kann ich auch nicht zurück. Das ist in Ordnung gewesen für ein paar Stunden, aber länger da drin bleiben? Das funktioniert nicht. Ich brauche auch eine Entschuldigung für die Schule und die muss irgendwie meine Lehrerin erreichen.

Ich kann ja nicht ohne Schulsachen zum Unterricht gehen. Nach dem, was passiert ist, brauche ich auch erstmal etwas Ruhe. Ich muss das alles sortieren. Ich weiß nicht weiter und außer meiner Tante kenne ich hier niemanden, der für mich da sein könnte. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als zu Tante Heike zu gehen. Sie kann Papa nicht leiden und mit mir hat sie auch nicht so viel zu tun, aber sie ist meine letzte Hoffnung. Vielleicht kann sie ja auch was für Mama tun.

Der Weg zu Tante Heike ist nicht weit. Die Straße runter, links abbiegen, an der Wiese vorbei und schon bin ich am großen, gepflasterten Hof angekommen. Das Haus war auch ein Bauernhaus, wie unseres. Mein Onkel hat hier viel Geld reingesteckt und das Haus umgebaut, so wie Papa das auch bei uns gemacht hat. Die Fachwerkwände sind weiß und von dunkelbraunen Balken durchzogen. Vor der Haustür stehen zwei große Tannen, die bis über das Dach hinausragen und die ehemalige Scheune ist jetzt eine große Doppelgarage, die man über den Hof erreicht. Hinterm Haus ist noch ein großer Garten mit ganz kurzem Gras und einer Grillecke mit Tisch und Stühlen. Mama hat mich mal mitgenommen, als hier Geburtstag gefeiert wurde. Ich glaube on meinem Onkel. Genau weiß ich das nicht mehr, ich war ja noch ganz klein. Das Haus kam mir riesig vor und ich weiß noch, dass es drinnen eine große Schiebetür gab, durch die man gehen musste, wenn man vom Wohnzimmer ins Esszimmer wollte. Das war schon beeindruckend. Aber dunkel wars auch da drin. Bei uns gibt es kein Zimmer ohne Fenster und selbst der Flur bekommt Licht von draußen durch die Glastüren, aber hier ist alles zu, dicht, undurchsichtig. Ob sich da was geändert hat?

Solche Gedanken kreisen in meinem Kopf. Sie haben nichts mit dem zu tun, was ich gesehen habe oder wovor ich weggelaufen bin und das ist gut so. Tante Heike darf mir nichts anmerken, aber ich weiß ja jetzt, dass meine Lügengeschichte funktioniert, also erzähle ich sie hier ebenfalls. Der Plan steht fest, somit gehe ich über den Hof und direkt zur schweren Holzhaustür mit den komischen Eisenverzierungen darauf. Ein wenig unheimlich sieht das schon aus. Gut, dass es noch hell ist.

Ich drücke auf den Klingelknopf unter der großen, eisernen Hausnummer an der Wand neben der Haustür und warte ein, zwei Schritte von der Tür entfernt, vor der Fußmatte. Falls irgendwas sein sollte, kann ich so schneller weglaufen. Man weiß ja nie.

Es dauert ein paar Augenblicke, aber schließlich öffnet sich die Tür langsam einen Spalt. Die Haustür ist auch hier mit einer goldenen Kette gesichert, aber Tante Heike erkennt mich sofort und nimmt sie ab.

„Timo? Solltest du nicht …. komm erstmal rein. Geht’s dir gut?“, begrüßt sie mich. Seltsam. Sie ist so freundlich. Papa redet immer ganz anders von ihr. Aber ich komme nicht zum Nachdenken. Tante Heike schiebt mich über den Flur direkt ins Wohnzimmer. Ja, die Schiebetür gibt’s immer noch und die ganzen Leuchter an der Decke. Die machen, dass es noch dunkler wirkt hier drin. Komisch.

„Setz‘ dich erstmal hier hin.“, sagt sie und deutet auf die große Couch.

„Dein Onkel ist unterwegs und kommt erst in ein paar Tagen wieder. Willst du was essen? Dann kannst du mir sagen, was los ist.“, sagt sie und verschwindet schon wieder in Richtung Küche, bevor ich antworten kann.

Sie wirkt so fürsorglich. Hat Mama mit ihr geredet? Keine fünf Minuten später ist Tante Heike wieder da, stellt mir eine Tasse Kakao auf den Tisch – mit Untersetzer – und dazu ein paar selbstgebackene Kekse.

„Iss erstmal. Ich weiß in etwa, was bei euch los ist. Aber warum bist du jetzt hier? Weiß deine Mutter davon?“, kommen die Fragen im gleichen schnellen Ton wie zuvor aus ihr heraus. Tante Heike setzt sich in einen Sessel, wie die Couch aus braunem Leder und ebenfalls mit Decken ausgestattet, die das Sitzen gemütlicher machen.

Ich habe mich schon unter eine Decke gekuschelt und kaue an einem Keks, schaue dabei Tante Heike neben mir an und verstehe erst jetzt.

„Was meinst du, du weißt was bei uns los ist? Hast du mit Mama gesprochen? Oder war Papa hier? Wie geht’s Sabrina?“, frage ich aufgeregt zurück, aber Tante Heike bremst mich.

„Timo, halt mal. Alles ist gut. Ich weiß nicht, was im Moment los ist, aber deine Mutter hat mir heute früh erzählt, dass du weggelaufen bist, weil du Ärger mit deinem Vater hast.“

Beim Wort „Vater“ verzieht sie das Gesicht und spricht dann nach einer kurzen Pause weiter, als müsste sie ihre Gedanken sortieren.

„Ich weiß, dass dein Vater manchmal etwas schwierig ist. Aber er hat es auch nicht leicht hier im Dorf, verstehst du? Wenn du aber Angst vor ihm hast, ist das nicht in Ordnung! Gut, dass ihr so nette Nachbarn habt, die euch helfen. Aber sag, warum bist du nicht bei ihnen? Deine Mutter hat gesagt, dass du ein paar Tage bei ihnen bleibst und ein paar Stunden später stehst du hier vor meiner Tür? Was ist passiert?“

Ok, das hatte ich nicht erwartet. Tante Heike ist wirklich nett. Ganz anders, als Papa immer sagt. Und sie will mir helfen. Mama hat auch nichts gesagt, das finde ich gut und so muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meine Lügengeschichte erzähle. Aber was sage ich ihr als Grund, warum ich hier bin und nicht bei Regina und Georg?

Der Kakao schmeckt gut und unter der Decke ist es richtig schön gemütlich. Mit Tante Heike allein im Wohnzimmer ist fast wie mit Mama bei uns. Die beiden sehen sich schon ähnlich, auch wenn Tante Heike schlanker ist. Richtig dünn sieht sie aus. Ist das wegen der Krankheit, die Papa erwähnt hat?

„So schweigsam, kleiner Timo?“, unterbricht Tante Heike meine Gedanken.

„Ja, nein. Also … ich bin vor Papa weggelaufen. Er war böse auf mich wegen der Schule und ich wollte einfach nur weg.“, fange ich an zu erzählen. Tante Heike bekommt einen nachdenklichen, ernsten Gesichtsausdruck und hört mir aufmerksam zu.

„Aber bei Regina und Georg wars auch nicht besser. Zuerst schon. Regina war super nett zu mir und Ulrike war da, aber eben sollte ich duschen.“

Tante Heike schaut zu Boden und schüttelt den Kopf.

„Hat er dich angefasst?“, fragt sie sehr direkt und ich schaue sie verwundert an. Tante Heike bemerkt das natürlich und sagt weiter: „Georg. Hat er dich angefasst?“, wird sie deutlicher.

Sie weiß davon? Sie weiß, was Georg macht? Oder gemacht hat? Was ist hier los?

„Nein, also. Nein, er hat mich nicht angefasst. Aber er hat an sich rumgespielt. Ich hab das genau gesehen. Die Badezimmertür stand etwas offen und Ulrike war in der Dusche. Georg stand davor und hat an sich rumgespielt.“, sprudelt es aus mir heraus. Habe ich das gerade wirklich gesagt?

Tante Heike schüttelt wieder langsam den Kopf und schaut mich dann traurig an.

„Gut, dass du hergekommen bist. Du musst wissen, dass Georg das öfter macht. Und manchmal bleibt das nicht beim Zuschauen. Zumindest ist es das, was man sich im Dorf erzählt. Und er macht das schon ganz lange so, aber niemand sagt etwas.“

Ich bin geschockt. Georg schaut öfter zu, wenn Ulrike sich duscht? Und er macht noch mehr? So wie Papa mit Sabrina? Kann Tante Heike Papa deswegen nicht leiden? Weiß sie alles? Weiß sie von Mama und mir? Viele Fragen, die mir durch den Kopf schießen, aber was davon kann ich fragen? Ich bin verwirrt.

„Weißt du, Kleiner. Ich habe Krebs. Das ist eine schwere Krankheit und ich hoffe, dass die Ärzte mir helfen können. Ich habe viel gesehen und noch mehr, über das ich nicht reden darf, nicht reden soll. Was in der Familie passiert, bleibt in der Familie. Und was im Dorf passiert, wird im Dorf geregelt. Kennst du das?“

Ich nicke kurz. Das hat mir Mama beigebracht.

„Gut. Dann kannst du dir sicher denken, dass jeder hier im Ort Probleme und auch dunkle Geheimnisse hat. Das ist so, wenn man immer unter sich war und ist. Wenn man Teil der Gemeinschaft ist, kann man auch gar nicht anders. Man muss sich fügen, mitmachen und der einzige Weg da raus ist, wenn man wegzieht und alles von hier aufgibt. Aber man kann nichts dagegen machen, was hinter den Türen in den Häusern geschieht. Man redet darüber – natürlich nicht direkt – aber man macht nichts dagegen. Das gehört sich nicht, denn dadurch schadet man dem ganzen Dorf, weil jeder Dreck am Stecken hat. Niemand wird einen Nachbarn verraten aus Angst, selbst aufzufliegen und deswegen kann jeder machen was er will, solange er diese einfachen Regeln befolgt.“

Gebannt höre ich weiter zu. Tante Heike redet weiter, wahrscheinlich mehr zu sich als zu mir und es scheint, als würde sie das alles zum ersten Mal laut aussprechen.

„Seit mir der Arzt gesagt hat, dass ich Brustkrebs habe und vielleicht sterben könnte, habe ich viel nachgedacht. Was ist richtig, was ist falsch? Sind diese Dorfregeln gut oder schaden sie mehr als sie nutzen? Müssen wir immer noch so denken wie vor 100 Jahren? Ist das, was vor Generationen gut für uns war, nicht mittlerweile eher schlecht für uns alle? Du bist noch sehr jung und ich bin froh, dass dir bisher nichts passiert ist. Bis heute. Das mit Georg… das ist normal hier.“

Normal? Also ist auch das was Papa mit Sabrina macht normal und auch der Sex mit Mama ist in Ordnung. Aber warum war ich dann so geschockt von Georg im Badezimmer?

„Du hast etwas gesehen, was du noch nicht hättest sehen sollen. Aber besser so als anders. Du bist weggelaufen und hast dich so in Sicherheit gebracht. Ich weiß, dass das falsch ist, was Georg und einige andere hier im Dorf machen. Aber man kann nichts tun. Es wird nicht aufhören, solange wir unter uns bleiben. Dass du weggelaufen bist zeigt aber, dass du eine Chance hast. Eine Chance, gar nicht erst in diesen Strudel zu kommen. Du hast sowas noch nicht mitgemacht und willst es offenbar auch nicht; das ist gut so! Aber jetzt kommt das Schwierige an der Sache: Du darfst darüber nicht reden. Mit niemandem!“

„Darf ich nicht? Warum?“, frage ich kurz und verwerfe sofort den Gedanken, Tante Heike von Sabrina und Papa zu erzählen. Das ist was anderes. Papa ist nicht von hier und Sabrina ist schon groß. Aber Opa und Enkelin fühlt sich nicht richtig an. Außerdem ist das bei uns etwas Besonderes. Zumindest dachte ich das immer und es fühlt sich auch besonders an. Nicht so eklig wie bei Georg und Ulrike. Ulrike hat auch nie etwas gesagt, also macht Georg das alles eher heimlich. Das ist nicht richtig.

„Weil dann… du hast es doch sowieso nicht leicht hier. Niemand kann unsere Familie leiden, besonders nicht deinen Vater. Ein Schnösel aus der Stadt, der alles besser weiß und alle anderen für dumm hält. Wenn du jetzt rumerzählst, was du gesehen hast, wird das alles schlimmer werden.“, unterbricht Tante Heike meine Gedanken.

Sie fährt fort und kommt zum Punkt: „Du kannst hierbleiben. Heute. Aber morgen früh musst du wieder nach Hause. Ich rufe deine Mutter an und sage ihr Bescheid. Ich lass mir was einfallen wegen Regina und Georg. Wenn dein Vater noch da sein sollte, müssen wir nochmal nachdenken, aber du musst so schnell wie möglich wieder nach Hause. Wenn du durchs Dorf streifst, fangen die Leute irgendwann an zu reden – und das ist nicht gut. Glaub mir.“

Ich muss zurück. Morgen schon. Oh Mann. Aber wenn Tante Heike Recht hat, bleibt mir nichts anderes übrig. Ich hoffe wirklich, dass Papa nicht da ist. Ich will nicht, dass er zuhause ist, wenn ich komme und ich will auch nicht, dass er bald wiederkommt. Er soll wegbleiben! Er hat Mama wehgetan! Vielleicht hat er Sabrina auch wehgetan? Tante Heike ist nett, also hat Papa mich belogen und Mama immer die Wahrheit gesagt. Was ein blöder Tag! Warum passiert das mir?

Tränen laufen mir über die Wangen, ich weine stumm, kann nichts sagen, bin nur voller Wut und Enttäuschung. Ich habe Angst und will doch etwas machen, etwas tun, damit ich nicht nur zusehen muss. Ich bin verwirrt und weiß nicht, wie es weitergeht. Ich kann nur warten was passiert. Ich muss warten, mir bleibt nichts anderes übrig, ich bin noch zu jung. Aber bald… bald bin ich groß und stark und kann machen was ich will! Bis dahin muss ich durchhalten, stark werden, bleiben, sein.

So fühlt es sich also an, wenn man erwachsen wird.

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