TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 11: Sabrina

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Irgendwie wird es in letzter Zeit immer angespannter, nerviger, lauter hier bei uns. Papa ist immer seltener zuhause und wenn, dann gibt es meist Streit mit Mama. Timo hält sich raus. So ist er eben. Meist spielt er dann nebenan in Papas Arbeitszimmer oder ist unten bei der Großtante und wartet, bis es wieder ruhig ist.

Und ich? Ich komme von der Schule nach Hause, esse etwas von dem was Mama gekocht hat und gehe auf mein Zimmer. Jeden Tag. Warum auch nicht? Mit Mama komme ich nicht so gut klar. Sie ist so sehr auf Timo fixiert, dass da kein Platz für mich ist. Papa kommt zu mir, wenn er wieder Sex will und das geht sowieso nur hier oben, wo uns niemand stört.

Also wo soll ich hin? Mein Leben besteht daraus, zur Schule zu gehen, zu essen und zu schlafen und meinem Vater Befriedigung zu verschaffen. Ist das wirklich schon alles? Klar, die Zeit in der Kirche ist noch zur Abwechslung da. Hier kann ich Klavier spielen und auch Gitarre, aber ich mache das nicht gerne vor Publikum. Dafür bin ich nicht gut genug, auch wenn andere das Gegenteil behaupten.

Meist spiele ich im kleinen Kreis, also zum Beispiel im Kindergottesdienst, der vor dem „richtigen“ Gottesdienst stattfindet, und dann auch nur einfache Kinderlieder wie „Danke für diesen guten Morgen“ oder sowas. Das ist auch immer dasselbe, aber wenigstens ein anderes „Selbes“.

Dann gibt’s da noch das CVJM und die Freie Evangelische Gemeinde. Die sind nicht so steif wie die Kirche und irgendwie moderner, auch wenn das manchmal etwas aufgesetzt wirkt. CVJM ist immer donnerstags abends. Hier darf ich hingehen, wenn Papa unterwegs ist. So hat Mama auch mehr Zeit für Timo.

Im CVJM treffen sich Jungs und Mädchen in meinem Alter und reden über Gott, Jesus und wie schön doch die Welt ist. Das CVJM-Heim liegt am Dorfrand, fast schon außerhalb. Von hier kann man den Friedhof sehen, der hinter den Pferdekoppeln liegt. Um hierhin zu kommen, muss man von uns aus durch das halbe Dorf und ein Stück durch den Wald. Es ist nicht weit, aber es fühlt sich an wie eine andere Welt. Wald und Felder, Ruhe und Frieden und mittendrin dieses weiße Steingebäude mit dem roten Dreieck an der Seite.

Auch wenn ich die Ansichten, die die Redner dort verbreiten, nicht komplett teile, tut es ganz gut mal rauszukommen und mit anderen Menschen in meinem Alter zu reden. Alle sind so freundlich und schaffen eine Atmosphäre, in der man sich willkommen fühlt. Ich fühle mich dort willkommen und nicht nur als jemand der „da ist“ und macht was von ihr erwartet wird. Hier ist es egal, wie gut ich bei irgendwas bin oder woher ich komme. Zumindest habe ich diesen Eindruck. Man kann den Leuten ja nur vor den Kopf schauen. Aber ich will es auch glauben.

Ein Klavier gibt es hier zwar ebenso wenig wie eine richtige Heizung, aber ich kann meine Gitarre mitbringen und auch mal andere Lieder spielen, die etwas mehr als 2 Akkorde benötigen. Wir haben sogar eine richtige kleine Band, die auch schon Auftritte in der Gemeinde hatte, aber da mache ich meist nicht mit. Ich mag kein Publikum, keine fremden Leute, die mich beobachten und am Ende noch kritisieren, auslachen, beschimpfen, wenn ich nicht gut genug bin.

Ich habe auch schon ein paar Freunde gefunden. Auf dem Gymnasium in der Stadt bin ich nicht glücklich. Klar, es macht Spaß, so viel Neues zu lernen und die Lehrer sind auch toll, aber ich komme vom Dorf – und das lassen mich meine Klassenkameraden jeden Tag spüren. Papa meinte es gut, als er mich aufs Gymnasium gebracht hat, aber es tut mir nicht gut. Ich wünschte, ich wäre auf der Schule, wo alle meine Freunde hin gewechselt sind. Die sehe ich nun gar nicht mehr. Nur ein oder zwei kommen selten ins CVJM und selbst da reden sie kaum mit mir. Ich bin eben die, die sich für was Besseres hält – und in der Stadt bin ich die Dumme vom Dorf.

Wo gehöre ich also hin?

Vielleicht finde ich die Antworten, wenn ich lange genug in der Bibel lese und die Treffen besuche. Auch deswegen bin ich froh, wenn Papa länger unterwegs ist. Dann kann ich „ich“ sein oder zumindest versuchen herauszufinden, wer ich eigentlich bin und was das alles für einen Sinn hat.

Demnächst müssen wir uns einen Praktikumsplatz suchen, hat unsere Klassenlehrerin gesagt. Wir sollen lernen, wie es in der Arbeitswelt zugeht und so auch Erfahrungen sammeln, damit wir irgendwann mal erkennen, was wir eigentlich später mal machen wollen und wo unsere Stärken liegen.

Mir graust es davor. Nicht, dass ich dann so lange weg bin von meiner Familie, aber dass ich mich vor wieder anderen Fremden beweisen muss, ohne zu wissen, was genau auf mich zukommt. Warum muss das sein? Ich habe keine Ahnung, was ich mal werden will. Wie soll ich mich da für einen Praktikumsplatz entscheiden oder überhaupt erstmal einen finden?

Das alles schwirrt in meinem Kopf herum. Ich liege in meinem Bett und komme einfach nicht zur Ruhe. Ich habe keine Lust zu lesen und es ist noch zu früh zum Schlafen. Also denke ich nach. Ich zähle die Bretter an der Dachschräge und weiß einfach nicht, was ich machen soll. Ich muss irgendwas tun, aber was? Irgendetwas, das mich vom Denken abhält.

Dann höre ich die Haustür. Ist das Papa? Er wollte doch erst morgen wieder da sein, hat Mama gesagt. Ich stehe auf und gehe zur Treppe. Am Geländer vorbei kann ich den Flur sehen und erkenne wirklich Papa da unten. Aber er geht nicht nach oben, nicht zu mir. Was ist da los?

Gespannt warte ich hier oben, an das Geländer gelehnt und ganz vorsichtig atmend, was nun passiert. Papa geht zur Küchentür und fängt sofort an, Mama anzuschreien.

Oh Mann! Ja, sie haben Streit. Ja, das passiert öfter. Aber so unerwartet, so plötzlich? Ich will weggehen, aber etwas hält mich hier, will wissen, was da los ist. Also lausche ich weiter. Papa ist ja laut genug, da muss ich mich nicht anstrengen. Ich darf nur nicht entdeckt werden.

„Sag mal, was stimmt denn nicht mit dir?!“, brüllt Papa. „Ist das wahr was deine verschissene Hure von Schwester überall rumposaunt?“

Mama weint sofort los, ich muss genau hinhören, um sie zu verstehen.

„Schatz … was … wieso bist du? Was meinst du?“, höre ich sie fragen.

„Tu nicht so, du weißt das ganz genau! Ihr primitiven Gestörten hier in eurem Kaff! Was ist hier eigentlich los?“, will Papa wissen.

„Was meinst du denn, verdammt nochmal?!“, wird Mama nun auch lauter, doch ihre zitternde Stimme verrät ihre Unsicherheit. Das hat Papa auch gemerkt.

„Was war mit deinem ersten Kind? Und dem Dorfdepp, der dich gefickt hat? Warum muss ich das von deiner dreckigen Schwester erfahren, die es ja kaum erwarten konnte, mir eins reinzuwürgen?!“

Papa hat mit meiner Tante geredet? Die beiden reden doch nie miteinander. Das wird immer komischer. Mama ist schlagartig still geworden. Scheinbar hat Papa da was erfahren, was er nicht wissen durfte. So wie ich auch gerade… Oh Mann!

„Jetzt bist du still, ja? Hast doch sonst immer so eine große Klappe! Du erzählst mir jetzt alles, bevor ich mich vergesse!“, Papa steht noch immer in der Tür, aber was ist das? Ist das Timo?

Ich sehe jetzt erst, dass die Tür zur Wohnung meiner Großtante einen Spalt offensteht und Timo seinen kleinen Dickkopf rausstreckt. Hat er alles mit angehört?

„Mach’s Maul auf, verdammte Scheiße!“, brüllt Papa. Und dann passiert es: Timo läuft auf den Flur, hinter Papa und tritt ihm mit aller Kraft gegen das Bein. Nur fällt Timo um statt Papa.

Papa dreht sich um, sieht meinen Bruder am Boden liegen und packt ihn am Hals. Er zieht ihn auf die Füße, holt aus und schlägt ihm mit voller Wucht ins Gesicht, so dass er gleich wieder zu Boden fällt und liegen bleibt.

Ich kann einen Schrei nicht unterdrücken, so geschockt bin ich, halte mir sofort die Hand vor den Mund und renne in mein Zimmer, ins Bett, unter die Decke.

Hoffentlich hat mich niemand gehört. Verdammt! Die Tür ist noch auf. Schnell das Licht ausmachen und dann ganz still sein.

„Du Monster! Hau ab! Hau ab! Ich will dich nie mehr sehen, du Arschloch!“, kann ich Mama weinend schreien hören, auch unter der Bettdecke.

Es ist kurz ruhig, nur Mamas Weinen ist zu hören. Dann folgen schwere, stampfende Schritte. Papa geht …?

„Hau ab!!“, ruft Mama nochmal. Dann geht die Haustür auf und Papa ruft zurück: „Deine Schwester hat Brustkrebs. Zu Recht. Hoffentlich verreckt sie oder sie schneiden ihr wenigstens die Titten ab!“

Zwei weitere Stampfer, dann knallt die Haustür zu und nur noch das Weinen von Mama im Flur ist zu hören.

TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 10: Timo

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Meine Mama ist toll. Sie ist die beste Mama, die man sich wünschen kann. Jeden Tag ist sie für mich da und sorgt dafür, dass es mir gut geht. Und Sabrina natürlich auch.

Papa ist selten bei uns, aber das macht nichts. Früher hat es mir was ausgemacht, aber jetzt nicht mehr. Je öfter und länger Papa weg ist, desto besser finde ich das. Denn dann können Mama und ich ganz viel Spaß zusammen haben. Immer und wann wir wollen.

Papa soll ja nichts davon wissen. Das ist in Ordnung, auch wenn ich nicht verstehe, warum genau das so ist. Er macht doch auch, dass es Sabrina gut geht. Wir sind eine Familie, aber irgendwie doch nicht. Das fühlt sich seltsam an.

Mama war letztens ganz lieb zu mir. Sie hat mir gezeigt, was Papa mit Sabrina macht. Also, nicht genau das, aber so ähnlich. Ich bin ja ein Junge und meine Schwester ein Mädchen.

Das hat sich so gut angefühlt und ich freue mich so, dass ich kaum warten kann, bis Mama und ich wieder unter der Decke kuscheln. Sabrina geht es sicher auch so mit Papa. Deswegen ist sie auch so oft in ihrem Zimmer und liest. Sie wartet auf ihn, dass er sie fröhlich macht und vertreibt sich die Zeit bis dahin mit Lesen. Ich mag diese Pippi-Bücher nicht. Da sind nur doofe Kinder, die gar nicht wissen, wie viel Spaß man mit Erwachsenen haben kann! Aber Sabrina mag die Geschichten. Mädchen sind schon komisch.

Ich finde es blöd, dass ich auch nicht mit meiner Schwester über Mama und mich reden darf. Aber wenn ich das mache, können wir nicht mehr zusammen sein. Das will ich nicht, also bin ich still. Ist ja auch nicht so schwierig.

In der Schule rede ich sowieso nicht von Zuhause. Das interessiert da niemanden. Und wenn ich blad zur Feuerwehr gehe, wie Mama mir versprochen hat, gibt es andere Sachen, über die ich reden kann. Dass uns niemand besucht, außer meiner Tante ab und zu, ist mir jetzt egal. Ich will nur so oft es geht bei Mama sein. Ihr darf nichts passieren.

Manchmal, wenn ich drauf warte, dass Papa endlich wegfährt, höre ich, wie er sagt, dass er Mama liebt. Das macht mich etwas traurig und ich glaube auch böse..? Wenn er Mama liebt, warum geht er dann weg? Das ist seltsam, finde ich. Ich bin immer da, wenn Mama mich braucht und Mama ist immer da, wenn ich sie brauche.

So soll doch Liebe sein, oder? Dass man füreinander da ist, egal was kommt, egal was ist. Also liebt Mama mich und ich liebe sie. Das ist toll! So wie Robin Hood die Jungfrau Marian auch liebt. Ab jetzt ist Mama Marian und nicht mehr Sabrina. Und Robin Hood beschützt sie vor allem, auch vor dem Sheriff.

So wie eben. Papa ist nach Hause gekommen, aber er war nicht oben bei Sabrina, wie er es sonst immer macht. Ich war nebenan bei Mamas Tante und habe dort geholfen, einen Kuchen zu backen. Den wollen wir morgen alle zusammen essen. Käsekuchen mit Mandarinen. Lecker!

Ich hab gehört, wie Papa richtig laut durch den Flur gestapft ist. Das macht er sonst nicht. Ich hab dann ganz vorsichtig die Tür aufgemacht und geschaut, was er macht.

Papa hat die Tür zur Küche ganz fest aufgemacht, so dass sie gegen den Schrank dahinter geknallt ist. Ich hab mich richtig erschrocken! Mama saß am Esstisch und Papa blieb in der Tür stehen und hat sofort angefangen, sie anzuschreien.

Mama fing an zu weinen, das konnte ich deutlich hören, aber was Papa genau gesagt hat, weiß ich nicht. Es war zu laut und ich verstehe nicht immer alles, was er sagt. Ich hab ganz doll versucht zu lauschen, aber nur ein paar Worte verstanden. Nur dass Mama immer mehr geweint hat, habe ich mitbekommen. Mama darf nicht weinen! Es muss ihr gut gehen! Und Papa macht, dass es Mama schlecht geht!

Das Weinen von Mama war so laut in meinem Kopf, dass ich nicht mehr anders konnte. Ich hatte zwar noch Angst, aus meinem Versteck zu kommen, aber ich musste Mama helfen. Wer denn sonst, außer mir konnte das tun? Es ist meine Pflicht. Das macht man so wenn man sich liebt.

Ich ging also raus in den Flur und stellte mich hinter Papa, der immer noch rumbrüllte. Mama hat mich gesehen und erschrocken angeschaut, aber ich musste etwas tun. Papa drehte sich um, damit er sehen konnte, was hinter ihm war, aber da hatte ich schon ausgeholt und ihm mit aller Kraft gegen das Bein getreten. Ganz fest, so stark wie ich konnte. So stark, dass ich umgefallen bin.

Und es hat geholfen. Papa hat Mama nicht mehr angeschrien. Er ist kurz eingeknickt, aber er ist stehengeblieben. Ich lag jetzt vor ihm auf dem Boden und hab ihn ganz böse angeschaut. Zumindest glaube ich das, denn meine Augen waren voll mit Tränen, weil ich so sauer war, dass er Mama angebrüllt hat. Das darf niemand!

Er packte mich am Hals und zog mich hoch. Nun stand ich vor ihm, hatte die Hände zu Fäusten geballt und schaute ihn ganz böse an, während mir Tränen aus den Augen liefen.

Ein paar Sekunden passierte gar nichts, dann spürte ich einen stechenden Schmerz im Gesicht, als mich seine Hand mit voller Wucht traf.

Jetzt liege ich hier auf der Couch im Wohnzimmer, wo Mama und ich immer ganz nah zusammen sind. Sie muss mich hergebracht haben, aber ich weiß von nichts mehr.

„Schhhh, mein Engel. Papa ist wieder weg. Alles ist gut.“, sagt sie und tupft mir mit einem nassen Tuch über mein Gesicht.

Ich liege in ihrem Schoß und spüre keinen Schmerz. Nur Freude und Stolz.

Ich liebe sie.

TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 7: Mutter

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Wenn mein Mann unterwegs ist, fühle ich mich irgendwie frei. Es läuft gut zwischen uns, würde ich sagen. Also, die Schmetterlinge sind weg, aber das ist ja normal. In jeder Beziehung wird es mal ruhiger, erst recht wenn Kinder da sind.

Ich liebe meinen Mann immer noch, nur dieses „Verliebtsein“ ist nicht mehr da. Das macht aber nichts. Ich brauche auch den Sex nicht mehr so. Nach meinen Schwangerschaften habe ich ein wenig zugelegt und mein Mann findet mich wohl nicht mehr so attraktiv wie früher. Manchmal macht mich das schon traurig, besonders da er so selten zuhause ist. Aber ich habe mich damit arrangiert.

Wie gesagt: wenn mein Mann unterwegs ist, fühle ich mich irgendwie frei. Ich denke dann nicht mehr daran, wie es mal zwischen uns war oder wie es jetzt ist. Ich denke nicht mehr darüber nach, was ich tun kann, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich muss auch nicht aufpassen was ich wie sage, damit er sich nicht aufregt. Ich kann sein wie ich bin.

Er hat nie irgendwas davon verlangt, hat nie gesagt, dass ich mich ändern soll. Aber ich weiß, dass er mir die Schuld gibt, dass die Gefühle langweiliger geworden sind. Vielleicht hat er deswegen auch eine so angespannte Haltung gegenüber Timo…?

Also Timo zur Welt kam, wurde die Distanz zwischen meinem Mann und mir nochmal größer als sie ohnehin schon nach der Geburt von Sabrina war. Das war mir nie bewusst bis vor ein paar Monaten in den Sommerferien.

Ich hatte Zeit zum Nachdenken und kam so zu dem Schluss, dass es vielleicht doch nicht nur an mir und meiner Unfähigkeit lag, sondern dass die Kinder – speziell mein kleiner Mann im Haus – eine Mitschuld tragen. Es ergab alles einen Sinn!

Auch mit meiner Schwester habe ich darüber geredet und sie sieht das ähnlich. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass ich mir nichts vorwerfen muss. Ich musste immerhin meine Arbeit aufgeben und zuhause die Kinder hüten, während mein Mann in der Weltgeschichte herumfährt und es sich gut gehen lässt!

Ich habe doch gar keine Wahl. Ich muss eine Mauer um mich herum aufbauen, einfach um mich zu schützen. Nicht ich bin das Problem. Auch meine Kinder nicht. ER ist das Problem!

Ich kann nicht glauben, dass ich mir selbst die Schuld gegeben habe. Auch wenn mein Mann nie etwas gesagt hat, so war es doch deutlich zu spüren. Ich liebe ihn, ja. Doch liebt er mich? Auch so wie ich jetzt aussehe muss er doch zu mir stehen, sich zusammenreißen, mich lieben! Das ist seine Pflicht!

Meine Schwester sieht das ähnlich und kommt regelmäßig zu mir, wenn mein Mann unterwegs ist. Außerhalb der Winterzeiten ist er ja sowieso nur am Wochenende zuhause, wenn überhaupt. So habe ich viel Zeit für mich. Endlich!

Wenn Timo von der Schule nach Hause kommt, habe ich schon für ihn gekocht. Es soll ihm gut gehen, dem armen Kerl. Er sieht seinen Vater kaum und mit Sabrina… nunja, die beiden sind doch ein paar Jahre auseinander. Sabrina beschäftigt sich gerne mit sich, aber sie liebt ihren Bruder schon sehr.

Timo hingegen kann es kaum erwarten, nach dem Mittagessen die Hausaufgaben zu machen und sich dann in seine selbstgebauten Höhlen zu verkriechen. Seitdem er lesen kann, beschäftigt er sich neben den Hörspielen, die er so mag, auch mit Comics. Fix und Foxi findet er ganz toll. Yps macht ihm Spaß, weil da immer etwas zum Basteln dabei ist. Nur Micky Maus mag er nicht. Er ist eher der Donald Duck-Typ. In ein oder zwei Jahren kann er vielleicht regelmäßig die Lustigen Taschenbücher lesen, wer weiß.

Abends mache ich ihm dann immer nochmal etwas zu essen. Was Einfaches, meist Haferflockensuppe oder Abendbrot mit Teewurst. Die mag er gerne.

Danach kuscheln wir uns noch auf der Couch im Wohnzimmer zusammen unter eine Decke und schauen fern. Nach dem Sandmännchen bringe ich ihn dann ins Bett. So läuft im Grunde jeder Tag ab und ich fühle mich gut dabei. Ich kann für ihn da sein und er ist für mich da. Er weiß es glaube ich nicht, aber er gibt mir so viel, einfach nur indem er da ist.

Timo ist für mich mehr Ehemann, als mein Mann es derzeit ist. Und genau deswegen muss ich auch auf ihn aufpassen. Ihm darf nichts passieren.

Samstags ist der Ablauf ein anderer. Timo hat da keine Schule und verbringt den Tag meist in seinem Zimmer oder seinen Höhlen. Nur gibt es am Samstag das Abendessen etwas früher als sonst. Natürlich nur, wenn mein Mann nicht zuhause ist.

Die Wochenenden hat er eigentlich immer bei uns, bei mir, verbracht. Aber in letzter Zeit wird das seltener und er kommt oft erst in der Nacht auf Sonntag heim, schläft dann den halben Tag und macht sich am Abend oder in der Nacht auf Montag wieder auf den Weg.

Heute jedoch ist ein Samstag, an dem er nicht nach Hause kommt. Er hat von unterwegs angerufen und mir gesagt, dass er eine Anschlusstour bekommen hat. Er wird voraussichtlich erst am Mittwoch zurück sein und wir sollen uns keine Sorgen machen.

Ich mache mir keine Sorgen. Nicht mehr. Er ist alt genug und kann auf sich selbst aufpassen, aber Timo ist noch klein und braucht mich. Jetzt mehr als sonst.

Nach dem Essen sage ich Timo, dass sein Papa dieses Wochenende nicht heimkommen wird, weil er arbeiten muss. Timo akzeptiert das ohne besondere Regung und so können wir entspannt den Abend genießen.

Mein Mann hat das Badezimmer im ersten Stock schön hergerichtet, das muss man ihm lassen. Eine schöne große Badewanne steht dort unter der Dachgaube. Weiß und rosa, mit abnehmbarer Brause und einem großen Gummikissen für den Rücken, so dass ich mich dort wunderbar entspannen kann.

Ich gehe mit Timo hoch über die schöne neue Treppe und er weiß schon, was jetzt kommt.

„Gehen wir wieder baden, Mama?“, fragt er mit leuchtenden Augen.

Wie kann man den kleinen Kerl nicht lieben?

„Ja, Schatz. Das wird wieder schön.“, sage ich zu ihm, während ich ihm über den Wuschelkopf streichle.

Im Badezimmer mache ich die Wandheizung an. Sie läuft mit Strom und heizt das Zimmer sehr schnell auf eine angenehme Temperatur auf – egal wie kalt es auch draußen sein mag. Doch auch jetzt habe ich es gerne warm, wenn ich bade. Das entspannt noch mehr als das warme Wasser.

Während das Wasser in die Wanne läuft, ziehe ich meinen kleinen Mann aus und schaue, ob es ihm gut geht. Seine Haut ist so weich und zart, immer noch. Obwohl er schon lange kein Baby mehr ist.

Ich sage ihm, dass er sich kurz über die Wanne beugen soll, damit ich sehen kann, ob sein Po wund ist. Aber da ist alles in Ordnung. Bleibt noch nachzusehen, ob mit seinem Penis alles OK ist. Man liest ja soviel von Vorhautverengung und die Nachbarn meinten auch, dass man da aufpassen muss. Aber man kann auch im Vorfeld etwas dagegen unternehmen. Man muss die Vorhaut einfach ein paar Mal vor und zurück schieben. So verhindert man, dass sie sich verengt.

Ein netter Nebeneffekt ist, dass Timo Spaß daran hat. Es gefällt ihm und er ist immer ganz enttäuscht, wenn mein Test vorüber ist und ich sage: „So, alles in Ordnung mit dem Piepmatz.“ Das sehe ich ihm an!

Aber die Enttäuschung ist nur von kurzer Dauer. Das Badewasser ist fertig. Es ist ein klein wenig zu heiß, aber das muss so sein, damit es lange hält und sich die Poren öffnen. Ich ziehe mich aus und steige als erstes in die Wanne. Dann bedeute ich Timo, zu mir zu kommen.

Er verzieht kurz das hübsche Gesicht, als er das heiße Wasser berührt, aber er gewöhnt sich schnell daran. Wie immer.

„Mama, noch keinen Schaum machen, ich will dich ansehen.“, sagt er, als ich zur Flasche mit dem Schaumbad greife. Was für ein wunderbarer kleiner Kerl. So erwachsen schon. Und er weiß genau, was mir gut tut, wenn ich alleine bin.

Ich lehne mich in der Wanne zurück und spreize meine Beine. Sie sind etwas dicker als früher, aber ich bin noch immer beweglich. Ich winkle sie etwas an und Timo hockt sich dazwischen ans andere Ende der Wanne.

Er schaut ganz genau auf meine Schamhaare. Kastanienbraun, so wie die von Sabrina, die nebenan in ihrem Zimmer liest oder schläft. Keine Ahnung was sie gerade macht. Es interessiert mich jetzt auch nicht.

„Mama, warum hast du da so viele Haare?“, fragt er ganz unschuldig.

„Das ist so, wenn man groß ist.“, antworte ich ihm und schließe die Augen. Ich genieße es, dass mich endlich wieder ein Mann ansieht, mich nackt sehen will. Ein wunderbares Gefühl.

„Sabrina hat keine Haare da unten und ich auch nicht. Das ist, weil wir noch klein sind, ja?“, will er wissen.

„Ja, Schatz. Wenn du älter bist, bekommst du da auch Haare. Aber das dauert noch.“, antworte ich in einem sanften, entspannten Tonfall.

Timo kommt etwas näher und die dadurch entstehenden kleinen Wellen streifen leicht meine großen Brüste. Timo schaut auf und fasst mir an die linke Brustwarze.

„Bekommt Sabrina auch mal so große Brüste wie du?“, will der kleine Mann wissen.

„Das weiß ich nicht. Aber es kann sein, ja. Wieso?“, frage ich, die Augen halb geschlossen.

„Ich mag deine Brüste. Die sind so schön weich.“

Ich liebe ihn. Wie toll er mir Komplimente machen kann. Und das ohne Hintergedanken! Warum kann mein Ehemann nicht so sein wie Timo? Ich ziehe ihn zu mir hoch, so dass er zwischen meinen Brüsten auf meinem Bauch liegt und gieße dann etwas Schaumbad ins Wasser.

„Strampel mal, Timo“, fordere ich meinen Sohn auf und er fängt an, mit den Beinen zu treten.

Schnell bildet sich überall Schaum und wir zwei genießen das nicht mehr heiße, sondern angenehm warme Wasser auf unseren Körpern. Es duftet nach Fichtennadeln, nach Wald, Natur, Freiheit und sein kleiner Körper schmiegt sich an mich und gibt mir Halt.

Mein toller kleiner Mann.

Verlass mich nie.

TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 6: Timo

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Die Schule ist ganz in Ordnung. Im Kindergarten hatte ich kaum Freunde und war immer alleine, aber jetzt geht das besser. Wenn ich in der Schule bin, habe ich Spaß mit meinen Kameraden, wenn ich nach Hause komme, spiele ich mit Mama.

Papa ist kaum da, aber er muss so oft weg sein, damit wir ein schönes Zuhause haben. Das hat Mama mir erklärt.

Meine Freunde aus der Schule kommen nicht mit zu mir nach Hause, aber das ist in Ordnung. Ich bin gerne alleine und auch bei Mama und Sabrina. Da muss ich nichts machen, damit sie mich mögen. In der Schule helfe ich meinen Freunden immer bei den Hausaufgaben. Das mache ich auch gerne, weil sie so nett zu mir sind. Meistens jedenfalls. Blöd wird das nur, wenn ich keine Zeit oder Lust dazu habe. Dann schauen sie immer so komisch und tuscheln bis ich ihnen doch helfe oder die Hausaufgaben mit nach Hause nehme, damit ich sie in Ruhe machen kann.

So ist wohl das Leben.

In den Ferien bin ich glücklich. Da muss ich niemandem helfen und kann den ganzen Tag zuhause spielen. Mein Kinderzimmer ist direkt neben Mamas und Papas Schlafzimmer. Manchmal näht Mama hier auch Kleider, aber das stört mich nicht. Ich gehe dann ins Wohnzimmer und lege mich auf den flauschigen Teppich, wo ich dann in Ruhe meine Hörspiele hören kann. Ich finde das toll.

Wenn Papa nicht da ist, gehe ich auch manchmal nach oben in sein Arbeitszimmer. Da geht sonst kaum jemand rein, aber ich finde es super spannend da. Da sind so tolle schräge Wände mit Schränken davor, hinter denen man sich wunderbar verstecken kann! Hier findet mich niemand, wenn ich nicht will.

Wie Robin Hood im Wald.

Das blöde an den Ferien ist nur, wenn Papa morgens zu mir ins Zimmer kommt. Er spricht mich dann immer an und ich werde wach, oft schon ganz früh, noch vor Sonnenaufgang. Dann will er, dass ich mit ihm mitkomme.

Er ist oft unterwegs und fährt Sachen durch ganz Deutschland und noch weiter. Ich will aber nicht mitfahren. Das ist langweilig. Den ganzen Tag im LKW sitzen und Radio hören. Ich möchte das nicht. Ich kann nicht laufen, ich kann mich nicht verstecken, ich kann keine Hörspiele hören. Ich muss dann sitzen und ab und an gehen wir auf einer Raststätte eine Currywurst essen. Wir schlafen im Auto, wenn die Fahrt zu lange ist und sind dann am nächsten Tag wieder zuhause.

Ich habe dann nichts gemacht, außer mich gelangweilt und herumgesessen. Papa und ich reden auch nicht miteinander. Worüber auch? Er ist ja nie da und kennt mich kaum. Manchmal fragt er, wie es in der Schule läuft und wie es Sabrina oder Mama geht, aber das wars dann auch schon.

Immer nur rumsitzen. Ich will das nicht.

Manchmal wickle ich mich so fest in meine Decke ein und halte mich am Bett fest, dass er es nicht schafft, mich zum mitkommen zu zwingen. Er wird dann immer kurz laut, aber er muss ja auch los und geht dann, lässt mich in Ruhe. Ich warte dann ganz still unter er Decke, bis ich höre, wie der LKW wegfährt. Erst dann decke ich mich wieder richtig zu und schlafe etwas weiter.

Warum will er nie, dass Sabrina mitkommt? Oder Mama? Warum immer ich? Ich will hierbleiben. Bei Mama. Papa ist so oft weg, warum soll ich denn dann auch noch weg sein? Mama und Sabrina brauchen mich doch. Ich bin doch der Mann im Haus.

Manchmal bringt Papa mir was mit, wenn er irgendwo ganz weit weg war. Irgendwelche Münzen oder Geldscheine. Die sehen hübsch aus, aber im Laden will die niemand haben. Ich bin gerne Zuhause und finde es auch schön, wenn Papa bei uns ist. Aber wenn ich ehrlich bin, brauchen wir ihn gar nicht hier. Wir brauchen das Geld, aber wir brauchen keinen Papa, der nie da ist.

Außer sonntags. Da gehen wir immer ins Schwimmbad. Ich sitze dann bei Mama an der Theke und warte, dass Papa und Sabrina mit Schwimmen fertig sind.

Nächstes Jahr gehen wir mit der Schule schwimmen. Da lernen wir, wie wir ganz tief tauchen können und auch schnelles Schwimmen. So auf der Seite mit den Armen wie ein Bagger. Das wird toll. Dann kann ich auch mit Papa und Sabrina zusammen schwimmen. Mama schaut uns dann zu und trinkt ihren Wein. Das wird toll.

Papa hat mir auch versucht das Schwimmen beizubringen, als ich noch im Kindergarten war.

Wir waren in dem Schwimmbad, in das wir jetzt auch immer gehen. Da gab es mehrere Becken. Wenn man nicht schwimmen kann, geht man in das Planschbecken, aber Papa meinte, dass ich dort nicht schwimmen lernen kann, da das Wasser nicht tief genug ist.

Er nahm mich an die Hand und ging mit mir rüber zum Anfängerbecken. Das mit dem warmen Wasser, nicht das, wo Papa und Sabrina immer schwimmen. Mama hat auf Sabrina aufgepasst. Die war ja noch klein.

An dem Anfängerbecken gab es Stufen ins Wasser, aber keine Sprungblöcke. Die sind nur an dem großen Becken mit den Leuten, die schon alles können. Hier ist das Wasser warm und am Rand sind lauter alte Männer und Frauen, die die Augen zu haben. Das warme Wasser ist ja auch schön.

Papa ging dann mit mir die Stufen ins Becken runter, bis ich bis zur Brust im Wasser war. Das waren nur zwei oder drei Stufen, aber es war genug. Das Wasser fühlte sich gut an, aber als ich dann weitergehen sollte, war da nichts mehr unter meinen Füßen – und ich ging unter.

Ich hatte meine Schwimmflügel nicht an. Die stören nur beim Schwimmen, hat Papa immer gesagt. Ich hab gestrampelt und Wasser geschluckt und wollte wieder ans Ufer, zu den Stufen. Ich wollte nicht untergehen.

Papa hat mir den Arm hingehalten und mich so aus dem Wasser gefischt. Ich hab‘ glaub‘ ich geweint und Papa hat mich ganz böse angeschaut. Warum ich nicht mit den Armen gerudert hätte und ob das so schwer sei? Schwimmen können sogar Hunde, hat er gesagt.

Ich hab mich entschuldigt. Papa war enttäuscht von mir. Das fand ich ganz schlimm. Ich habe mich dann zusammengerissen und gesagt, dass er mir dann zeigen soll, wie ich es schaffen kann so toll zu schwimmen wie alle anderen.

Da nahm er mich wieder an die Hand und ging mit mir zur Rückseite des Anfängerbeckens. Das Becken wird dahin immer tiefer. Vorne bei den Stufen kann man als Erwachsener noch bequem stehen, hinten muss man strampeln, damit man nicht untergeht. Oder sich am Rand festhalten. Wie die alten Menschen da.

Als wir da angekommen waren, sah ich Mama und Sabrina, wie sie am Rand vom großen Becken saßen, die Füße im Wasser und den Rücken zu uns. Jetzt würde Mama gar nicht sehen, wie ich schwimme. Und Sabrina auch nicht.

Papa drehte mich zu sich und hob mich dann hoch. Er lächelte mich an und ich wollte fragen, wie ich denn jetzt schwimmen lernen soll. Da hob er mich noch ein bisschen höher und warf mich ins Wasser.

Ich wusste erst gar nicht, was mit mir passiert, aber es war auch spannend. Papa würde nichts tun, was mir weht tut. Aber das Wasser tat weh. Ich wedelte mit den Armen in der Luft und klatschte mit dem Bauch auf dem Wasser auf. Ich wusste gar nicht, dass Wasser so weh tun kann. Das war eben nicht so und beim Baden auch nicht. Ich ruderte weiter mit den Armen und Beinen und streckte meinen Kopf aus dem Wasser, so gut ich konnte.

Ich weiß nicht, was Papa in dem Moment gemacht hat oder ob Mama oder Sabrina gesehen haben, wie ich schwimme. Ich weiß nur, dass ich geschwommen bin. Alleine. Ans Ufer zu den Treppen.

Mein ganzer Bauch war rot und hat gebrannt, aber das war mir egal. Ich konnte schwimmen. Ich würde nicht untergehen, wenn ich ins Wasser gehe und keine Schwimmflügel dabeihabe. War Papa stolz auf mich? Ich hoffe es.

Ich kletterte aus dem Wasser und lief dann so schnell ich konnte auf dem nassen Boden zu Mama und Sabrina. Die beiden schauten mich mit großen Augen an, besonders Mama, die wissen wollte, was passiert war.

Ich hab ihr dann erzählt, dass Papa mir das Schwimmen beigebracht hatte. Es war ganz einfach. Nur hochheben, ins Wasser werfen und strampeln. Ich strahlte übers ganze Gesicht, ich war so stolz darauf, etwas gelernt zu haben. Und so schnell.

Aber Sabrina fing an zu weinen und Mama ging zu Papa und schimpfte mit ihm. Warum genau weiß ich nicht.

Danach hat Mama mir verboten, alleine ins Wasser zu gehen. Ich durfte zwar mit ins Schwimmbad, aber ich musste bei Mama bleiben. Meist hieß das, an der Theke sitzen und warten, bis Papa und Sabrina fertig waren. Aber das ist in Ordnung. Wir haben ja bald Schwimmen in der Schule und da lerne ich mehr. Und dann darf ich bestimmt wieder ins Wasser.

In den Ferien bin ich froh, wenn Papa nicht da ist. Wenn er endlich weggefahren ist und mich in Ruhe lässt. Warum zwingt er mich, mitzufahren? Es sieht doch überall gleich aus und wir steigen nie aus und schauen uns was an. Wir fahren nur, sitzen, essen und hören Radio. Zuhause kann ich machen was ich will und da mich auch niemand besucht, muss ich auch nicht aufpassen, was ich mache.

Nur auf Mama muss ich aufpassen. Und auf Sabrina. Ich will nicht, dass den beiden was passiert oder dass sie unglücklich sind. Sabrina ist in den Ferien oft mit dem Fahrrad unterwegs oder macht etwas mit der Kirche. Mama ist aber immer zuhause. Ich lerne sogar, wie man Knöpfe annäht! Das ist schön. Ich bin gerne hier. Und einer muss sich ja um alles kümmern!

TRIGGERWARNUNG Kindesmissbrauch „Zartes Fleisch“ Kapitel 5: Mutter

In diesem Kapitel geht es um die Mutter und um den Ansatz ihrer Hintergrundgeschichte, der ich in diesem Buch keinen Namen gegeben habe. Das Gleiche gilt übrigens auch für den „Vater“, dessen Sichtweise in anderen Kapiteln behandelt wird. Namen tragen nur die Betroffenen und das nähere Umfeld, natürlich sind diese fiktiv. Das nächste Kapitel gibt’s dann wieder in 2021.

Der Beitrag darf gerne geteilt werden, allerdings nur mit entsprechender Warnung und unter Nennung der Quelle (mein Blog und/oder meine Person).

Anlaufstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch sind zum Beispiel N.I.N.A e.V. oder auch die Nummer gegen Kummer (inklusive Chatfunktion).


Noch eine Woche, wie so viele in der letzten Zeit. Mein Mann ist oft unterwegs. Sicher, er muss Geld verdienen und es geht uns auch gut – finanziell gesehen. Aber ich vermisse ihn schon.

Am Anfang war alles noch ganz normal bei uns. Also, was man so „normal“ nennt. Er hat sich wirklich sehr um mich bemüht und gekümmert, hat sich gut mit meiner Familie verstanden und auch hier im Haus viel gemacht. Allein die Umbauten hätte ich nie bezahlen können. Auch nicht mit Hilfe meiner Familie.

Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater war der Dorfschmied und arbeitete sehr hart, um seine Familie zu ernähren. Trotzdem reichte es kaum für mehr als das Notwendige. Meine Mutter war immer zuhause und hat sich um meine Schwester und mich gekümmert. Ich musste schon als Kind mit anpacken, meist im Haushalt oder auf dem kleinen Feld, das wir besaßen und dazu nutzten, uns selbst zu versorgen. So war das eben damals auf dem Dorf.

Eine wirkliche Kindheit, wie sie mittlerweile üblich ist, habe ich nie gehabt. Manchmal wollte ich schon lieber spielen, statt auf dem Feld Erde zu harken, aber ich kannte es auch nicht anders. Die Volksschule habe ich jeden Tag besucht und auch einige Freundschaften geschlossen. Hier waren wir – sind wir noch – eine eigene Gemeinschaft mit geteilten Erfahrungen. Jedes Kind musste zuhause mithelfen, arbeiten. Die Schule war wichtig, aber für die Eltern und besonders die Großeltern war es wichtiger, dass man mit anpackt.

Wahrscheinlich hat jede Generation so ihre Probleme mit den Vorhergehenden. Die Älteren halten sich an das, was sie kennen und gehen davon aus, dass alles so bleibt, wie sie es gewohnt sind.

Die Jüngeren hinterfragen viele Dinge und sehen oft nicht ein, warum es denn immer so weitergehen soll, wie in den letzten 30, 50, 80 Jahren. Dann rebellieren einige und andere fügen sich, verschieben im besten Fall die Rebellion auf später, wenn sie nicht mehr abhängig von ihren Familien sind oder eigene Familien gründen.

Auf dem Dorf ist das aber die Ausnahme. Hier herrscht ein extremer Gruppenzwang. Wer nicht mitmacht, wer nicht auf die Älteren hört oder sogar öffentlich Widerworte gibt, wird ausgestoßen.

Und das nicht nur von der eigenen Familie, sondern von allen im Dorf.

Meine Schwester hat schon früh unser Elternhaus verlassen und eine eigene Familie gegründet. Ihr Mann arbeitete in der Stadt, obwohl auch er „vom Dorf“ kam. Das führte zu einer seltsamen Mischung, mit der die Dorfgemeinschaft zwiespältig umging. Einerseits waren sie eine Familie mit Haus, dem Mann als Versorger und meiner Schwester als Hausfrau. Andererseits brachte sich ihr Mann nicht so stark ins Dorfleben ein, wie es sich gehörte. Er arbeitete in „der Stadt“, was hier als etwas Besonderes galt, aber er hat auf diese Weise eben „das Dorf“ im Stich gelassen, was nicht in Ordnung war.

Das änderte sich zum Positiven, als eines der Kinder meiner Schwester mit einer körperlichen Behinderung auf die Welt kam. Geistig war der Junge nicht beeinträchtigt, sogar recht schlau, aber die verkrüppelten Beine sorgten für Aufsehen in unserem – damals – 2000-Seelen-Ort.

Die Nachbarn kümmerten sich vordergründig um meine Schwester und ihren behinderten Sohn. Mitleid hat also dafür gesorgt, dass die Ausgrenzung kaum noch eine Rolle spielte. Auch wenn gerade in der Dorfkirche manche Leute von einer „Strafe Gottes“ sprachen, muss man sagen, dass von da an das Leben für meine Schwester entspannter war.

Ich dagegen blieb zuhause. Auch und gerade nachdem mein Vater bei einer Explosion in der Schmiede um’s Leben gekommen war. Nach der Volksschule machte ich eine Ausbildung zur Schneiderin. Das Hantieren mit Stoffen und das Anfertigen von Kleidung und sonstigen Textilien hat mir schon immer Spaß gemacht und auf diese Weise konnte ich mein Hobby zum Beruf machen und die verbleibende Familie finanziell unterstützen.

Es gab ja nur noch mich, meine Mutter und meine Tante. Das Feld verkam zum Acker, verwilderte mit den Jahren und lag dann nur noch brach. Die Rente meiner Mutter und ihrer Schwester hielt uns zusammen mit meinem Lohn aus der örtlichen Schneiderei so eben über Wasser und ich häkelte, strickte und schneiderte in meiner Freizeit für das halbe Dorf, um noch etwas dazu zu verdienen. Wir kamen über die Runden, aber es reichte nicht, um das Haus instand zu halten.

Dann schließlich kam mein Mann ins Spiel. Er hat sich, wie er sagte, fast augenblicklich in mich verliebt, als er mich an einem Tanzabend in der Dorfdiskothek sah. Ich half dort manchmal an der Theke aus. So konnte ich in die Disko gehen, ohne dass es mich Geld kostete, das ich nicht hatte. Er war dort mit Freunden unterwegs, feierten, dass einer von ihnen eine Arbeit als Monteur im Ausland angeboten bekommen hatte.

Er sprach mich an und überhäufte mich mit Komplimenten. Sicher, er hatte an diesem Abend schon einiges getrunken, aber da er sich so sehr ins Zeug legte und auch nicht schlecht aussah, ließ ich mir das gerne gefallen.

Wir unterhielten uns und verabredeten uns für das nächste Wochenende. Er wollte mich besuchen kommen und mehr von mir erfahren. Von mir! Ein junger Mann aus der Stadt! Ich war hin und weg, schwebte auf Wolken und zählte die Tage, die Stunden bis zum Wochenende.

Schließlich war der Tag gekommen und ich wartete fast buchstäblich an der Haustür auf ihn. Gegen Mittag kam er dann. Nicht mit dem Auto oder Fahrrad, sondern zu Fuß.

Ich war verwundert, hatte ich doch gedacht, dass er ein Auto besaß, doch als ich ihn darauf ansprach meinte er nur, dass er sich das im Moment noch nicht leisten könne, aber er sei ja nicht bettlägerig und könne „das bisschen“ auch laufen.

„Das bisschen“ waren knapp 10 Kilometer. Bergauf. Ich war perplex. Warum tat dieser Mann das? Tat er es für mich? Was wollte er? War das eine Masche, um mich ins Bett zu kriegen?

Diese und ähnliche Fragen schwirrten mir im Kopf herum, doch mein damals zukünftiger Mann lächelte die Zweifel einfach weg. Nachdem er einige Male bei mir war, erzählte ich meinen Kolleginnen in der Schneiderei von ihm. Sie waren reservierter, als ich gedacht hatte, denn obwohl sie sich für mich freuten, wie sie beteuerten, hörte ich doch Verwunderung und auch etwas Abneigung heraus. Oder war es Neid? Ich unscheinbare Frau aus einem Haus ohne Mann, Vater, Opa soll einen „Städter“ so beeindruckt haben, dass er sich täglich zu Fuß auf den Weg macht, nur um ein paar Stunden Zeit mit mir zu verbringen?

Da kann doch was nicht stimmen! Aber seine Hartnäckigkeit zahlte sich nach einigen Wochen aus und die Zweifel bei meinen Kolleginnen verschwanden. Es half sicherlich auch, dass er schon früh damit anfing, notwendige Arbeiten am Haus zu verrichten. Meine Mutter und meine Tante waren beeindruckt und natürlich sprach sich das schnell im Dorf herum.

Einzig meine Schwester blieb skeptisch und ihm gegenüber auf Distanz. Aber das kümmerte mich nicht. So sehr hatte mich dieser Mann verzaubert. Ich war glücklich, wenn er bei mir war und mein eintöniges Leben, das nur die Aussicht darauf bot, dass ich denselben Weg wie meine Vorfahren gehen musste, erschien mir etwas heller, zuversichtlicher. Ich hatte durch die Beziehung mit ihm eine Chance, es einmal besser zu haben.

Das Haus brachte er schnell auf Vordermann und als er dann einen neu abgeteilten Raum mir gegenüber als Kinderzimmer vorstellte, war ich die glücklichste Frau auf der Welt. Ich liebte diesen Mann – und ich tue es noch.

Meine erste Schwangerschaft endete leider mit einem toten Baby. Dies war noch vor meinem jetzigen Ehemann und ist etwas, was außer meinem Mann und meiner Familie – und natürlich meinem damaligen Freund – niemand weiß und wissen darf. Unverheiratet schwanger zu werden kam einer Todsünde gleich.

Als ich dann aber von meinem jetzigen Ehemann schwanger wurde und Sabrina schließlich ehelich auf die Welt kam, war unser Glück perfekt. Timo rundete das Bild der idyllischen Familie als Stammhalter weiter ab. Mein Mann platzte fast vor Stolz.

Sicher, der Sex wurde weniger und ich veränderte mich auch körperlich in dieser Zeit, aber ich hatte meine kleine heile Welt. Vater, Mutter, Kinder, so wie man es immer spielt. Ein Traum wurde wahr und als mein Mann, der mittlerweile sehr gut verdiente, mir schließlich eröffnete, dass er sich selbstständig machen möchte, dachte ich mir nichts dabei. Uns allen ging es blendend.

Meine Mutter starb, bevor Timo geboren wurde und meine Tante hatte einen Narren an meinem Mann gefressen, wie man so schön sagt. Warum auch nicht? Er hatte das Haus, das nun ihr gehörte, im Wert vervielfacht und ihr eine eigene Wohnung eingerichtet, wo sie für sich sein konnte, aber dennoch nicht alleine war.

Aus Dankbarkeit hatte sie schließlich mir und meinem Mann mein früheres Elternhaus vermacht; mit der Auflage, dass sie lebenslang dort wohnen bleiben durfte.

Das wiederum trieb einen weiteren Keil zwischen meine Schwester und mich bzw. meinen Ehemann. „Erbschleicher“ nannte sie ihn und redete fortan kein einziges Wort mehr mit ihm, außer wenn es zu einem Streit kam, was im Grunde immer der Fall war, wenn die beiden sich irgendwo trafen. Dass es mein Mann war, der dafür gesorgt hatte, dass überhaupt etwas zum Erben vorhanden war, war ihr egal.

Dennoch, es war eine gute Zeit. Eine unterm Strich ruhige und friedliche Zeit voller Möglichkeiten. Wir mussten uns keine Sorgen mehr um Geld oder größere Anschaffungen machen. Durch das Geld, was mein Mann nach Hause brachte, lebten wir quasi im Luxus. Das Haus hatte uns nichts gekostet, außer eine Hypothek, um meine Schwester nach der Schenkung oder Erbvorwegnahme auszuzahlen. Wir hatten als erste im Ort einen großen Farbfernseher von Grundig, eine riesige Polstergarnitur, Mahagonischränke im Wohnzimmer, einen wuchtigen Mahagonischreibtisch, wie man ihn von Anwaltsbüros her kennt und einen schicken Audi in der Garage stehen, mit dem wir auch in den Urlaub fuhren.

Ich war am Ziel und konnte mir kaum eine Steigerung meines Lebensstandards vorstellen. Doch die Schattenseite war, dass mein Mann kaum noch zuhause war. Er war meist 4, 5 oder auch 6 Tage in der Woche unterwegs. Meist kam er nur zum Schlafen nach Hause und das tat er dann oft genug noch auf der Couch, wenn er völlig erschöpft beim Fernsehen einschlief.

Aber er kümmerte sich rührend um unsere Tochter Sabrina. Wann immer er konnte, verbrachte er Zeit mit ihr und wenn er früh genug nach Hause kam, ließ er es sich nicht nehmen, ihr persönlich eine gute Nacht zu wünschen oder sie ins Bett zu bringen. Die beiden wurden mit der Zeit unzertrennlich und das machte mich wiederum glücklich.

Mit Timo kam er allerdings nicht so gut aus. Ich weiß bis heute nicht, warum das so war. Dafür war Timo ein echtes Mamakind. Stets suchte er meine Nähe und verbrachte gerne und viel Zeit mit mir. Ich hatte ja aufgehört, in der Schneiderei zu arbeiten und kümmerte mich voll und ganz um den Haushalt und die Kinder. Sabrina kapselte sich schnell von mir ab, schon im Kindergartenalter. Aber Timo blieb bei mir. Mein kleiner Sonnenschein.

Als Timo schließlich in die örtliche Grundschule kam, hatte ich die Hoffnung und auch die Angst, dass er nun Freunde finden würde, die ihn mir wegnehmen würden. Bis dahin war Timo eher ein Einzelgänger, der zwar bei mir aufblühte und fröhlich war, doch mit anderen Kindern nicht umgehen konnte oder wollte. Wir hatten es auch aufgegeben, andere Kinder zu uns einzuladen, da sowieso niemand kam und die Enttäuschung somit groß war.

Doch meine Befürchtungen waren unbegründet. Zwar freundete Timo sich mit einigen Mitschülern an, aber diese Freundschaften beschränkten sich auf die Zeit in der Schule. Zuhause hatte ich ihn wieder ganz für mich allein und wir beide genossen diese Zeit.

Timo war nun in der Grundschule und Sabrina ging aufs Gymnasium in der Stadt. Das war meinem Mann wichtig. Es gab zwar auch im Nachbardorf eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, doch er hielt nichts von dieser „Baumschule“, wie er diese bezeichnete, und überzeugte mich und auch die Lehrer schließlich davon, dass Sabrina in der Stadt zur Schule gehen sollte.

So wurde aus meiner Tochter ein Stadtkind. Sie hat den ersten Schritt aus dem Dorf heraus gemacht. Ich war meinem Mann so dankbar und so stolz auf meine Tochter! Ob es mit Timo auch so laufen würde? Auf den Kopf gefallen war er jedenfalls nicht, nur eben sehr anhänglich. Aber das gefiel mir. Es gefällt mir noch immer.

Ich will, dass es meinem Sohn gut geht. Schließlich ist er der Mann im Haus, wenn mein Ehemann wieder unterwegs ist. Ist das zuviel verlangt? Bürde ich ihm damit eine Verantwortung auf, die er gar nicht tragen kann?

Ich denke nicht. Auf dem Dorf hält man zusammen. Gerade als Familie ist es wichtig, dass man sich unterstützt. So wie meine Schwester und ich – und alle anderen Kinder – von klein auf zuhause mitarbeiten, mit aufs Feld oder in den Wald mussten, so muss Timo jetzt dafür sorgen, dass die Rolle des Mannes nicht frei bleibt, wenn der Ernährer unterwegs ist. Der Platz muss ausgefüllt werden. Und Timo macht das sehr gut mittlerweile.